17.12.2015

Darf man sich einmischen?


Neulich gab es in einem sozialen Netzwerk die Frage, was man tut, wenn im Restaurant am Nebentisch etwas „falsch“ läuft. Es ging um eine Situation mit einem Kind, dessen Verhalten von den Erwachsenen als „falsch“ eingestuft wurde. Weil es nicht machte, was die Großen wollten, gab es Strafandrohung. Das bevorstehende Weihnachtsfest kam dazu wie gerufen. Dann bringe das Christkind eben weniger Geschenke, waren sich die Erwachsenen einig.

Mir war die Situation nicht allzu fremd, denn ich bin selbst mit solchen Christind- oder Osterhase-bringt-dann-weniger-Worten groß geworden. Ich glaube nicht, dass mir das schadete. Im Gegenteil: Vielleicht ist das der Grund, weshalb ich gerne mal die Dinge anders mache, als der Rest der Welt das von mir erwartet. Ich habe gelernt, meinen eigenen Weg zu gehen.

Darum kommentierte ich die Frage damit, dass ich mich heraushalte aus der Sache am Nebentisch. Denn strenggenommen urteile ich genauso wie die Eltern, dass ein Verhalten in meinen Augen „falsch“ ist und ich maße mir an sagen zu können, wie es denn „richtig“ sei.

Außerdem nehme ich immer nur einen Ausschnitt aus einem großen Ganzen wahr. Vielleicht sind das ansonsten sehr fürsorgliche, bemühte Eltern? Und es waren eher die Großeltern, die für „weniger Geschenke“ plädierten? Oder, oder, oder. Ich glaube, dass wir alle nicht perfekt sind in unseren Beziehungen zueinander. Je nach eigener Verfassung und Vorgeschichte kann es schnell mal anders laufen, als man es selbst gerne hätte.

„Wir können nur bei uns selbst anfangen oder Rat geben, wenn uns jemand danach fragt“, schrieb ich. Und mit dieser Antwort war ich insgesamt zufrieden.

Bis mir Alexa heute eine Geschichte erzählte, die sie gerade erlebt hatte. Sie hatte beobachtet, wie ein kleines Mädchen auf seinen Vater zulief und dabei hinfiel. Das Kind weinte, der Vater beschwichtigte. „Das ist doch nicht so schlimm!“, war mehrfach zu hören. Das Kind brüllte weiter.

Als Alexa an dem Mädchen vorbeilief, baute sie Blickkontakt auf und sagte zu ihm: „Oh! Ich sehe du bist hingefallen!“ Sofort hörte die Kleine auf zu weinen. Dann passierte Alexa den Vater, der sie daraufhin ansprach: „Es war ja nicht so schlimm!“ Sie überlegte kurz, ob sie dazu etwas sagen sollte und meinte dann: „Na ja, für Ihr Kind war es offensichtlich schlimm. Es hat geweint.“

„Stimmt“, sagte der Vater. „Aber was sage ich denn am besten? Soll ich dann gar nichts sagen?“ Alexa schaute ihn schulterzuckend an. Daraufhin meinte er: „Oder ich sage ‚Jetzt bist du hingefallen!’“ Er überlegte kurz: „Dann erkennt sie, dass ich es bemerkt habe und dass ich aufmerksam bin.“ Damit war er sichtlich zufrieden gewesen.

Das Beispiel von Alexa hat mir gezeigt, dass man sich durchaus einklinken kann. „Die innere Haltung macht’s“, sagte Alexa zu mir, als ich sie darauf ansprach. Wenn ich in der Haltung „Sie haben gerade alles falsch gemacht“ mit dem Vater rede, wird das vermutlich keine Situation entschärfen oder für die Zukunft verändern. Doch Alexa widmete sich nicht dem Vater, sondern dem Kind. Sie hatte auch gar nicht vorgehabt, die Situation ihm gegenüber zu kommentieren.

Damit war die Tür zu dem Raum geöffnet, der ein konstruktives, kurzes Gespräch auf der Straße ermöglichte. Den Vater hat’s entlastet. Er hat eine Idee, wie er seinem Kind anders begegnen kann. Wie und ob ihm das gelingt, weiß niemand. Aber er wird einen Schritt weiterkommen als bisher durch diesen Impuls von außen.

Als ich die Geschichte hörte, wurde mir klar: Einmischen kann hilfreich sein. Es erfordert Mut, gutes Timing, die passenden Worte und ein gutes Gespür dafür, ob die Tür schon einen Spalt breit geöffnet oder fest verschlossen ist.


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Hier bloggt simplify-Redakteurin Dunja Herrmann über ihren Alltag, der oft alles andere als einfach ist. Und sie fragt sich und Ihre Leser stets: Geht’s einfacher? Mal findet sie eine Antwort, ein anderes Mal nicht. Der Blog „Ganz einfach Dunja“ kommt mit einem Augenzwinkern daher, nimmt die Leser mit auf Dunjas Weg zur Einfachheit. Übrigens: Hin und wieder genießt die Autorin die Komplexität: „Sie fordert mich einfach“...

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