02.07.2012

Der alte Lappen - oder: Was Beziehungen schadet


Am vergangenen Montag schrieb ich von alten Schuhen, die einfach entsorgt werden sollten. Heute habe ich eine ähnliche Geschichte zu erzählen. Sie stammt von Wilfried. Das ist ein guter Bekannter von mir, mit dem ich mich am Samstag unterhielt. An diesem Morgen hatte er bereits ein Frühstück mit einer Frau hinter sich. Sie hatte ihn besucht, weil sie auf der Durchreise war.

Während Wilfried nach dem Frühstück für kurze Zeit im Badezimmer verschwand, machte sie sich in der Küche nützlich. Als er zurückkam, sagte sie: „Du, deinen alten Spüllappen, den habe ich mal weggeschmissen. Der war ja total schmutzig. Den kriegst du auch nicht mehr sauber. Da kostet das Wasser mehr als ein neuer Lappen!“ Wilfried war baff. Und ihm lag plötzlich viel daran, das Frühstück so bald wie möglich zu beenden.

„Ich kann dich gut verstehen“, sagte ich. „Die Frau war an deinem Ende des Beziehungsschals.“ Dann erklärte ich ihm in Kurzform den Beziehungsschal, ein Visualisierungswerkzeug der einfühlsamen Kommunikation nach dem Sozialpsychologen Jacques Salomé. Man stelle sich vor, dass zwei Menschen, die in einer Beziehung zueinander stehen, gemeinsam einen Schal halten. Jeder hält ein Ende des Schals fest. An jedem Ende steht ein Individuum, der Schal steht für die Beziehung zwischen den beiden. Wir können Botschaften durch den Schal schicken. Wir wissen nie, wie sie am anderen Ende ankommen. Wir können nur Einfluss auf das nehmen, was wir durch den Schal schicken. Jeder ist für sein Ende des Schals verantwortlich.

Nun gibt es in unserem Alltag etliche Situationen, in denen wir sehr nah am Schalende unserer Mitmenschen agieren oder es sogar fest umschlossen halten. Manchmal wickeln wir auch andere mit dem Schal ein. Manchmal halten wir ihn hoch, sodass es unmöglich ist, auf Augehöhe zu kommunizieren. Und manchmal stellen wir fest, dass jemand unser Schalende ganz fest in der Hand hält. Wie die Frau, die in einem fremden Haushalt anstelle von Wilfried über den Spüllappen entscheidet. Dieser fällt in seinen Verantwortungsbereich, nicht in ihren. Kein Wunder, dass Wilfried ein paar Mal schlucken musste, um seine Wut in Zaum zu halten. Diese Reaktion ist nur allzu normal, wenn wir merken, dass sich jemand an unserem Ende des Schals zu schaffen macht.

Sind wir uns dessen bewusst, können wir den anderen höflich darauf hinweisen, dass wir hier die Verantwortung tragen und das auch gerne tun. Und sie? Was hätte sie tun können, wenn sie an ihrem Schalende hätte bleiben wollen? Da gibt es viele Möglichkeiten. Ich persönlich hätte vermutlich nichts getan. Den Spüllappen wahrgenommen, mehr nicht. Sie hätte ihn offen und vorurteilsfrei nach einem frischen fragen können, etwa so: „Wilfried, ich wollte gerade den Tisch abwischen und habe gesehen, dass der Lappen schmutzig ist. Hast du noch einen frischen, oder soll ich diesen hier nehmen?“

Der Beziehungsschal ist ein echtes simplify-Element. Denn er verdeutlicht auf einfache und eingängige Weise, wie wir zueinander stehen. Auch scheinbar komplexe Beziehungsgeflechte lassen sich damit ganz leicht entwirren. Mein Buchtipp hierzu: Monika Wilke: „Übungsbuch Einfühlsame Kommunikation. Mit sich selbst ins Reine kommen“ oder die Website: www.netzwerk-espere.com


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Ganz einfach Dunja

Hier bloggt simplify-Redakteurin Dunja Herrmann über ihren Alltag, der oft alles andere als einfach ist. Und sie fragt sich und Ihre Leser stets: Geht’s einfacher? Mal findet sie eine Antwort, ein anderes Mal nicht. Der Blog „Ganz einfach Dunja“ kommt mit einem Augenzwinkern daher, nimmt die Leser mit auf Dunjas Weg zur Einfachheit. Übrigens: Hin und wieder genießt die Autorin die Komplexität: „Sie fordert mich einfach“...

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