24.08.2012

„Der tut heute so komisch“


Der ADAC bietet neuerdings einen FahrFitnessCheck für Senioren an, damit diese eine objektive Momentaufnahme ihrer Fahrleistung bekommen. Der 90-minütige Check dient dazu, sich selbst und die eigene Einschätzung beim Fahren zu überprüfen. Die Teilnahme ist immer freiwillig. Ein Fahrlehrer begleitet die Senioren während des Checks, gibt danach Empfehlungen zur weiteren Teilnahme am Straßenverkehr und Tipps, welche Ausstattungen oder Fahrerassistenzsysteme das Autofahren erleichtern könnten.

Als ich das las, musste ich schmunzeln. Denn ich hatte bei meiner Kellerausmist-Aktion folgende Geschichte gefunden:

Vor mehr als 10 Jahren besuchte ich eine liebe alte „Tante“, die um zig Ecken mit mir verwandt war. Die erste bildliche Erinnerung, die ich an sie habe, ist ein alter R4, der immer in ihrer Garage stand. Tante Hertha war eine sehr patente Frau, stets unabhängig. Sie wohnte in Süddeutschland, und immer wenn wir mit der Familie in die Berge fuhren, schauten wir kurz bei ihr vorbei. So kam es, dass ich vor 10 Jahren ein paar Tage bei ihr bleiben wollte. Tante Hertha ging damals schon stark auf die 90 zu. In der Garage stand mittlerweile ein moderner Kleinwagen. Diesen bewegte Tante Hertha hin und wieder noch.

So wie an dem Tag, als wir einen Ausflug zum nahegelegenen See machen wollen. Mein Angebot, dass ich fahren könnte, lehnt Tante Hertha ab. Sie möchte das übernehmen, ich bin schließlich ihr Gast. Das Abenteuer beginnt mit dem rückwärts aus der Garage Herausfahren: Tante Hertha schlägt falsch ein, fährt zurück, wieder vor, wieder zurück, wieder vor, korrigiert jedes Mal ein wenig, schlägt dann aber zu viel in die falsche Richtung ein – das Auto jault, weil sie viel Gas gibt. Sie setzt wieder zurück, dieses Mal gewillt, etwas weiter zurückzufahren, damit sie wenden kann. Es kracht, doch Tante Hertha fährt davon unbeirrt weiter in den großen Kiefernbaum hinter sich – ein Ast beugt sich geräuschvoll ihrem „Angriff“. Jetzt muss sie nur noch viermal vor- und zurückstoßen und schon darf ich einsteigen. „Der tut heute so komisch“, lautet ihr Kommentar. Mit „der“ meint sie ihr Auto. Und mir wird’s ganz anders ...

Wir fahren gen See – 30 km/h, wie es sich gehört. Am Ortsausgangsschild tritt sie aufs Gas, sie schaltet aber leider nur in den 2. Gang. Bis 65 km/h jault sie den Wagen hoch! Ich wage kaum hinzuhören und warte nur darauf, dass es unter der Motorhaube jeden Moment eine Explosion gibt. Ein Glück! Irgendwann kommt wieder eine Ortschaft und Tante Hertha muss schalten!

Wir suchen einen Parkplatz. „Da parke ich immer“, erklärt sie mir. Wir müssen dazu links in eine Straße einbiegen, die durch eine kleine Verkehrsinsel geteilt wird. Ein weißer Pfeil auf blauem Grund zeigt eindeutig, dass wir rechts am Blumenkübel vorbei einbiegen müssen. Ich sage ihr ganz ruhig, dass sie gerade auf die Gegenspur abbiegen will. „Nein, ich muss hier hereinfahren, der Parkplatz ist doch gleich hier links – die rechte Spur ist für diejenigen, die in die Parkhäuser fahren wollen!“ Sagt es und fährt. „Ich krieg’ die Krise!“, steht in meinen Aufzeichnungen ...

Offenbar haben wir beide die Fahrt gut überstanden. Ein paar Tage später bringt mich Tante Hertha nämlich wieder mit dem Auto zum Zug. Das Fahren aus der Garage klappt diesmal wunderbar. Als ich mein Gepäck verstaut habe und sitze, geht’s los. Sie gibt Vollgas und ich sage nur: „Die Handbremse ist noch angezogen!“ „Das weiß ich“, sagt sie und gibt wieder Gas. Aus Verzweiflung löse ich die Bremse. „Ich weiß doch, dass ich sie zuhatte!“, sagt sie trotzig. Mit jaulendem Motor fahren wir aus der Ausfahrt gen Straße. Ich bleibe ganz cool, als wir dabei auf der Fahrerseite die halbe Hecke mitnehmen. Wir fahren Richtung Bahnhof. Als beim Umschalten zwischen zwei Gängen wieder der Motor aufheult, sagt Tante Hertha: „Der tut heute wieder so komisch!“

Ja, ein FahrFitnessCheck ist schon etwas Sinnvolles. Wenn dabei nur der Wagen nicht so komisch täte ...


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