11.10.2014

Eine leichte Amtssprache? Ja, bitte! Aber nicht um jeden Preis ...


Vorsorgevollmacht. Ein Begriff, der mich verzweifeln lassen kann. Beruflich habe ich manchmal damit zu tun. Auch im Privaten hat es mich schon tangiert, allerdings war die Generation vor mir mehr betroffen als ich. Das ist auch nicht weiter wichtig. Denn heute geht es um Justiz- und Verwaltungstexte. Diese könnten in leichterer Sprache formuliert sein, heißt es in einer Meldung der Stiftung Universität Hildesheim.

Nach dem Lesen der Überschrift und der ersten Sätze stimme ich dem voll zu! Wäre es nicht schön, wenn wir alle auf Anhieb verstünden, was uns der Staat abverlangt? Kaum vorstellbar! Doch irgendwie habe ich meine Zweifel, ob das in der Form gelingt, wie die Hildesheimer es vorschlagen. Lest selbst. Passagen aus besagter Meldung habe ich kursiv gesetzt.

Das Bundesjustizministerium nimmt die eigene Sprache unter die Lupe. Erbrecht, Zeugenvorladung, Vorsorgevollmacht – schwierige Verwaltungstexte sind schon so in Ordnung. Aber sie dürfen nicht allein stehen, sie sollten für Nicht-Experten verständlich gemacht werden, fordert Christiane Maaß anlässlich einer Diskussion im Bundesjustizministerium. Die Professorin für Medienlinguistik leitet an der Universität Hildesheim die Forschungsstelle Leichte Sprache. Angehende Medienübersetzerinnen lernen hier, wie Behördentexte, Märchen, Wahlprogramme, Physik- und Geschichtsbücher in verständliche Worte gefasst werden können.

Schwierige Verwaltungstexte sind schon so in Ordnung? Auf die Erklärung hierzu bin ich gespannt!

Die schwierige Verwaltungskommunikation hat ihre Berechtigung, sagt Maaß. „Sie ist Teil des juristischen Diskurses. Und das ist ein Fachdiskurs. Formulare sind justiziabel, es stehen Rechtsgrundlagen und Ansprüche dahinter. Ansprüche des Staats an die Bürger; Ansprüche der Bürger an staatliche oder kommunale Stellen. Diese Ansprüche sind einklagbar und in letzter Konsequenz wird über das, was in einem amtlichen Schreiben steht, vor Gericht gestritten. Schwierige Verwaltungskommunikation ist die Grundlage dafür, dass wir in unserer komplexen Gesellschaft zu unserem Recht kommen.“

Von dieser Seite habe ich das noch gar nicht betrachtet! Das klingt nachvollziehbar, wenngleich ich immer noch nicht verstehe, weshalb man dazu eine komplizierte Sprache benötigt!?

Christiane Maaß erläutert die „Leichte Sprache“ anhand eines Beispiels und zieht ein Formular mit dem Namen „Anregung zur Einrichtung einer Betreuung“ hervor.

Das ist so ziemlich das erste, was ich als Redakteurin in meiner Volontariatszeit gelernt habe: So wenige -ung-Wörter wie nur möglich benutzen!

Solche Formulare kommen in einer brisanten Lage zum Einsatz, nämlich wenn eine Person nicht mehr für sich selbst sorgen kann. „Man beantragt damit, dass die Person in bestimmten Lebensbereichen nicht mehr selbst entscheiden darf. Das kann nötig werden, wenn die Person eine seelische, körperliche oder geistige Behinderung hat oder bekommt, zum Beispiel durch eine Demenz oder einen Unfall“, sagt Maaß. In dem Originaldokument tauchen Begriffe wie „Sorge für die Gesundheit“, „Aufenthaltsbestimmung“ und „Entscheidung über die Unterbringung“ auf. „Natürlich muss über die ‚Unterbringung‘ entschieden werden. Man braucht ja ein Dach über dem Kopf und muss irgendwo wohnen, denkt man sich dabei.

Aber ‚Unterbringung‘ heißt im juristischen Kontext etwas ganz Konkretes: Setzt man hier ein Kreuzchen, dann darf der Betreuer entscheiden, ob der Betroffene in eine geschlossene Unterbringung soll oder nicht“, sagt die Professorin. In der Leichte-Sprache-Version tauchen daher Formulierungen auf wie „Der Betroffene braucht eine geschlossene Unterbringung. Zum Beispiel in einem Krankenhaus. Bei einer geschlossenen Unterbringung muss der Betroffene im Krankenhaus bleiben. Der Betroffene kann nicht weg.“ Das ist deutlich.??

Ähm. Das klingt irgendwie, als würde ich meiner Tochter ein ganz schwieriges Wort erklären. Eines, das sie vom Sinn her doch nur halb verstehen kann, weil sie die Zusammenhänge und das Leben in seiner Komplexität noch nicht durchschauen kann ...

Fachkommunikation lasse sich nur in einem bestimmten Umfang „herunterbrechen“, so die Medienlinguistin.??„Die Verwaltungstexte sind schon so in Ordnung. Aber sie dürfen nicht allein stehen. Sie bedürfen einer Verständlichmachung für die Nicht-Experten“, fordert Christiane Maaß. Von verständlichen Texten profitieren viele Leute. Besonders Menschen mit einer eingeschränkten Lesefähigkeit, funktionale Analphabeten und Gehörlose.??

Jetzt bin ich baff! Der letzte Satz macht mich fast sprachlos: Eingeschränkt lesefähig? Analphabet? Gehörlos? Damit identifiziere ich mich nicht. Doch ich bekenne mich ganz klar dazu, unser Verwaltungsdeutsch nicht zu verstehen! Wie auch? Es entspricht nicht dem natürlichen Gebrauch unserer Sprache. Ich wende es im Alltag, wenn es möglich ist, nicht an. Da kann man schon mal aus der Übung kommen ;-)

Wollt ihr Beispiele sehen, wie Verwaltungstexte übersetzt werden können? Die findet ihr hier. Mich machen sie traurig. Als könne man denen, die sich eine einfache Sprache wünschen, keinen Nebensatz zumuten. Mein Fazit: Es ist ein guter Ansatz, dass das Bundesjustizministerium über eine leichtere Sprache nachdenkt. Mir liegt dabei eine „Sprache für alle“ am Herzen, die ihre Adressaten mit Respekt behandelt und Ihnen zutraut, einen normalen Satz zu verstehen. Eines muss ich den Beispielen aber lassen: Ich verstehe alles!


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