06.11.2014

"Früher hätten wir uns das nie erlaubt!"


Im besten Teenageralter investierte ich mein Taschengeld in eine Hose, die meinem Vater überhaupt nicht gefiel. Nicht nur, dass er die Farbe schrecklich fand. Der Preis schockierte ihn noch mehr. „100 D-Mark für eine Hose? Das hätten wir uns früher nicht erlaubt!“ Meine Freundin Alexa erzählte mir, dass sie neue Winterkleidung für ihre Kinder eingekauft hat. Als die Kleinen dem Opa stolz alles zeigten, sagte dieser: „Früher kamen wir mit einer einzigen Hose aus! Ich verstehe nicht, was das heute ist!“ Und als ich mich vor einigen Wochen mit meinen Eltern unterhielt, hörte ich sie auch sagen: „Früher hätten wir uns das niemals erlaubt!“ Diesmal ging es nicht um etwas Materielles, sondern um eine bestimmte Einstellung zum Leben.

„Ja“, entgegnete ich. „Aber wir können uns das heute erlauben. Wir machen es einfach und es tut uns gut. Glaubt ihr nicht, das hätte euch auch gut getan? Wir haben heute die Chance und nutzen sie.“ Wenn Sätze über „Früher“ fallen, prallen Generationen aufeinander. Das war schon immer so und wird sich vermutlich auch nicht ändern.

Inzwischen ertappe ich mich selbst dabei, wie ich meiner Tochter von früher erzähle. Von Zeiten, in denen es nur schwarz-weiß Bilder im Fernseher gab. In denen man von Computer und Tablets noch nicht einmal eine Ahnung hatte. In denen es auch keine Smartphones mit Spiele-Apps gab. In der wir unsere Zeit draußen verbrachten oder mit Gesellschaftsspielen in der guten Stube. Dann frage ich mich jedes Mal: Kann sie sich das überhaupt vorstellen? Wohl kaum. Sie lebt in einer ganz anderen Zeit.

Häufig klingt das „Früher“ von der älteren Generation wie ein Vorwurf: „Ihr geht leichtfertig mit Geld um! Ihr lebt im Überfluss! Ihr habt keinen Respekt mehr vor euren Eltern! Ihr habt keine Zeit mehr!“ Ich wende nun einen einfachen Kniff an und drehe den Spieß herum, um zu verdeutlichen, was dahinter stecken könnte: „Ich hätte auch gerne mehr Geld gehabt als Jugendlicher! Ich hätte auch gerne diese Möglichkeiten gehabt, die sich euch heute bieten! Ich wünschte, ich hätte meinen Eltern auch mal die Meinung sagen können! Ich hätte auch gerne mal mehr an mich gedacht und Zeit nur für mich gehabt!“ Die Vorwürfe sind oft begleitet von einer Angst: Was wird wohl aus dieser Generation, die so ganz anders lebt als wir? Welche Menschen gehen daraus hervor? Wie will und kann ich damit umgehen, wenn es mir Schwierigkeiten bereitet?

Ich kenne diese Fragen gut, denn ich begegne ihnen jedes Mal, wenn meine Tochter von irgendeinem Tablet-Spiel schwärmt oder mir erzählt, was sie mit diesem Ding schon alles gemacht hat. Manchmal gehe ich offen mit meiner Unsicherheit um und spreche sie klar aus. Und wenn ich ihr von früher erzähle, versuche ich, das möglichst nicht als Vorwurf zu formulieren, sondern als Angebot, meine Kindheit ein Stück weit kennenzulernen. Was es braucht, ist Wertschätzung für beide Zeiten – für die Gegenwart und für die Vergangenheit.


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Ganz einfach Dunja

Hier bloggt simplify-Redakteurin Dunja Herrmann über ihren Alltag, der oft alles andere als einfach ist. Und sie fragt sich und Ihre Leser stets: Geht’s einfacher? Mal findet sie eine Antwort, ein anderes Mal nicht. Der Blog „Ganz einfach Dunja“ kommt mit einem Augenzwinkern daher, nimmt die Leser mit auf Dunjas Weg zur Einfachheit. Übrigens: Hin und wieder genießt die Autorin die Komplexität: „Sie fordert mich einfach“...

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