24.05.2012

Geschichten aus dem Leben - Woche 5: Schützen wir unsere Eier?


Vor knapp zwei Jahren beobachtete ich einmal die Mutter eines Kindergartenkindes. Sie erklärte ihrem Sohn gerade, wie er mit dem scharfen, spitzen Küchenmesser einen Apfel von faulen Stellen oder Wurmlöchern befreien konnte. Ich hielt die Luft an. „Ob das gut geht?“, fragte ich mich. Und: „Würde ich das meine dreijährige Tochter auch mit einer solchen Ruhe und Gelassenheit machen lassen?“

Dieses Erlebnis war ein echter Schlüssel für mich: Unsere Kinder müssen solche Erfahrungen machen dürfen. Gerade dann, wenn sie selbst die Initiative ergreifen, mithelfen und – wie in diesem Falle – schneiden wollen. Dann sind sie offen und bereit, diese Erfahrung zu machen. Ich habe das in der Folge sehr oft berücksichtigt und meine Tochter die Dinge ausprobieren lassen – soweit ich es zulassen konnte.

Erst gestern freute sie sich, als sie die Pellkartoffeln selbst mit einem kleinen Schälmesser schälen durfte. Dann kam der Frust: Es funktionierte leider nicht so, wie sie wollte. Statt der Schale ging gleich ein größeres Stück Kartoffel mit ab. „Das macht nichts“, sagte ich zu ihr. „Du machst das ja zum ersten Mal. Da darfst du ruhig noch ein bisschen üben.“ „Ja, Mama, ich lerne das jetzt“, antwortete sie mir zufrieden. „Kann ich das dann irgendwann so gut wie du?“ „Ja, du wirst sehen!“ „Hast du das denn als Kind auch erst lernen müssen?“, wollte sie wissen. „Ja, ich habe das auch erst einmal geübt.“ Sie war wieder in Balance und schälte gleich noch zwei weitere Kartoffeln.

Rachel Naomi Remen erzählt in ihrem Buch „Aus Liebe zum Leben“* etwas aus ihrer eigenen Kindheit. Dass sie als Kind oft ihre Mutter begleiten durfte, die als Krankenschwester Hausbesuche in den Armenvierteln New Yorks machte. Dass sie dabei eine Aufgabe hatte, helfen durfte. Dass sie glaubt, dadurch gelernt zu haben, wie wichtig es ist, anderen etwas zu geben. Dass sie als Kind ihre Spielsachen oft verschenkte, weil sie es gerne tat und nicht, weil sie sich nicht durchsetzen konnte.

Dann gibt sie eine Geschichte aus Rudolf Dreikurs’ „Kinder fordern uns heraus“ wieder. Von einer Mutter, die ihr zweijähriges Kind stoppt, weil es nach dem Einkauf Eier aus dem Karton in den Eierbehälter aus dem Kühlschrank packt. Die Botschaft lautete: „Du bist noch zu klein, du machst die Eier kaputt.“ Doch das Kind wollte nur helfen, einen Beitrag leisten – es wollte etwas geben, in dem es einem natürlichen Impuls folgte. Und dieses Geben – oder Dienen wie es Remen nennt – hilft in ihren Augen den Menschen, großzügig zu werden (als Gegenteil von egoistisch).

Am Ende des kurzen Kapitels stellt Remen eine Frage, die tief geht, gerade weil sie so einfach und treffend formuliert ist: „Unterstützen und schützen wir den angeborenen Wunsch, anderen zu helfen, in unseren Kindern, oder schützen wir unsere Eier?“

* Zweiter Teil „Zum Segen werden“, Kapitel „Einfach natürlich“, S. 104


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Hier bloggt simplify-Redakteurin Dunja Herrmann über ihren Alltag, der oft alles andere als einfach ist. Und sie fragt sich und Ihre Leser stets: Geht’s einfacher? Mal findet sie eine Antwort, ein anderes Mal nicht. Der Blog „Ganz einfach Dunja“ kommt mit einem Augenzwinkern daher, nimmt die Leser mit auf Dunjas Weg zur Einfachheit. Übrigens: Hin und wieder genießt die Autorin die Komplexität: „Sie fordert mich einfach“...

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