26.09.2012

Ich bin dann mal asozial ...


Vor vielen Jahren verbrachte ich einmal 3 Monate in einer Großstadt. Ich hatte ein wenig Angst davor, weil ich befürchtete, im Strom der Menschen unterzugehen. Dem war nicht so. Erstaunlicherweise gefiel mir das Leben dort ganz gut. Um zur Arbeit zu kommen, musste ich eine Strecke mit der U-Bahn zurücklegen. Das war eine seltsame Erfahrung: jede Menge fremde Menschen, denen ich plötzlich ganz nahe war.

Ich erinnere mich noch gut an eine Szene, in der ich neben einem Mann saß, wegen der Enge in der Bahn im direkten Körperkontakt. Gegenüber saßen ebenfalls Menschen. Ich schaute einfach zwischen ihnen durch. Diese Spannung zwischen Nähe und absoluter Distanz war schon erstaunlich. Nun lese ich, dass dies das typische Verhalten einer Kurzzeit-Asozialen ist!

Das Magazin GEO berichtet in seiner Oktober-Ausgabe darüber, wie sich Menschen in vollen Bussen verhalten. Eine entsprechende Untersuchung gibt es von Esther Kim von der Yale University. Passagiere von Bussen würden oft „vorübergehend asozial“, während dieselben Personen in anderen Kontexten durchaus sozial eingestellt sein können - in Cafés etwa oder auch in Schwimmbädern, wo man gewöhnlich respektvoll mit anderen umgehe. In öffentlichen Verkehrsmitteln allerdings seien Menschen oft erschöpft oder vor Fremden besonders auf der Hut - und wenden dann bewusst Abwehrstrategien an. Der typische „Kurzzeitasoziale“ hat laut Kim folgendes Repertoire parat:

  1. Er vermeidet Augenkontakt mit anderen.
  2. Wenn schon, dann schaut er etwas irre.
  3. Er gibt sich geschäftig, wühlt in den Taschen oder telefoniert laut.
  4. Er belegt den Sitz neben sich mit einer großen Tasche.
  5. Er setzt sich an den Gang mit Kopfhörern auf den Ohren - so kann ihn niemand einfach bitten, zum Fensterplatz durchzurutschen.
  6. Er legt eine große Anzahl unterschiedlicher Gegenstände auf den Nebensitz - die wegzunehmen, wäre so aufwändig, dass es andere abschreckt, darum zu bitten.
  7. Er stellt sich schlafend.

Die Strategie mit der Belagerung des Nebenplatzes ist mir ebenfalls wohlbekannt. Ich habe sie schon oft in Zügen beobachtet, was mich dazu anstachelte, meinen Nebensitz absichtlich freizuhalten. Ich gebe zu, dass ich heute in Zügen eher den Augenkontakt zulasse. Vielleicht liegt es daran, dass ich dort längere Zeit mit den Mitfahrenden verbringe? Dass es nicht ganz so geschäftig und eng ist? In der U-Bahn kann sich die Zusammensetzung der Fahrgäste binnen weniger Minuten verändern. Oder bin ich einfach älter und sozialer geworden!?

Interessant finde ich, was Kim dazu sagt, wenn wir näher zusammenrücken müssen, etwa weil uns der Fahrer dazu auffordert: „Das Ziel ist dann einfach nur noch, möglichst nicht neben dem einen unangenehmen Mitfahrer zu sitzen.“ Rasse, soziale Herkunft oder Geschlecht spielten keine große Rolle – wohl aber Körpergeruch!


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