02.03.2014

Interview mit einem Fremden


Habt ihr euch schon mal mit wildfremden Menschen, z. B. bei einer Zugfahrt, unterhalten? Erinnert ihr euch noch daran, worum es ging? Ich fahre verhältnismäßig selten Zug, und doch hatte ich darin so manche Begegnung. Die mit einer Frau, die zufällig aus derselben Stadt kam wie ich. Wir begegneten uns von da an immer wieder und besuchten uns sogar abwechselnd – obwohl ich etwa im Alter ihrer Tochter war. Oder die mit einem Lehrer, mit dem ich mich über Arbeiten und Leben unterhielt, das ist schon viele Jahre her. Auf meine typische Bemerkung „Lehrer haben ja so viele Ferien“ antwortete er mir: „Jedem, der mir das neidet, steht es frei, selbst diesen Beruf zu ergreifen.“ Da hatte er irgendwie Recht.

Oder neulich, zwar nicht in der Bahn, aber in einem Kleinstadt-Café: Eine alte Dame kam mit meiner Tochter ins Gespräch, die gerade Sticker vom Supermarkt in ein Stickeralbum einklebte. Fasziniert schaute sich die Frau das Album an. Sie schien sehr gebildet, konnte mit vielen Begriffen etwas anfangen, auch wenn etwa 85 Jahre zwischen ihr und meiner Tochter liegen. Sie erzählte mir und meinen Eltern, welche Aufkleber es zu ihrer Zeit gab. Dass hauptsächlich Jungs so etwas sammelten. Wir waren lange im Gespräch, denn die Dame genoss es sichtlich, sich mit drei Generationen zu unterhalten.

Wenn ich noch länger darüber nachdenke, fallen mir sicher noch mehr Begegnungen mit Menschen ein, die ich danach nie wiedergesehen habe. Das Schöne an solchen Kontakten ist, dass wir unseren Horizont damit erweitern. Wir schauen über den Tellerrand, über unsere normale Gruppe, in der wir uns bewegen, hinaus. Das hat übrigens auch etwas Integratives, denn wir kommen mit Menschen ins Gespräch, mit denen wir uns so vermutlich niemals auseinandergesetzt oder gar unterhalten hätten.

Der britische Philosoph und Historiker Theodore Zeldin entwickelte vor einigen Jahren das Konzept des conversation dinner (auf Deutsch: Tischgespräch). Dabei treffen sich einander fremde Menschen zum Essen und unterhalten sich über ziemlich ungewöhnliche Themen, die sie aus einem von Zeldin entworfenen „Fragenmenü“ auswählen. Z. B.: „Wann sind Sie am tolerantesten, wann am intolerantesten?“ oder „Welche Teile Ihres Lebens waren Zeitverschwendung?“. Gerade weil sich die Teilnehmer nicht kennen, können sie die unter Freunden, Kollegen und Familienmitgliedern üblichen Gesprächsbahnen verlassen.

Ich finde die Idee spannend und würde sofort mitmachen! Weitere Infos über Zeldin und seine Ideen über die Konversation findet ihr hier: www.oxfordmuse.com.


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Hier bloggt simplify-Redakteurin Dunja Herrmann über ihren Alltag, der oft alles andere als einfach ist. Und sie fragt sich und Ihre Leser stets: Geht’s einfacher? Mal findet sie eine Antwort, ein anderes Mal nicht. Der Blog „Ganz einfach Dunja“ kommt mit einem Augenzwinkern daher, nimmt die Leser mit auf Dunjas Weg zur Einfachheit. Übrigens: Hin und wieder genießt die Autorin die Komplexität: „Sie fordert mich einfach“...

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