05.12.2013

Koalitionskauderwelsch


Res publica, so lernte ich im Lateinunterricht in der Schule, ist eine Sache des Volkes. Allerdings frage ich mich, ob in unserer Republik das Volk versteht, worum es geht und was „da oben“ auf Regierungsebene beschlossen wird. Ich bin nicht die einzige, die sich das fragt. Auch Wissenschaftler gehen dem nach. Eine Textanalyse des Koalitionsvertrages hat zum Beispiel ergeben: Dieser Vertrag ist unverständlicher als eine Doktorarbeit!

Lest selbst die aktuelle Meldung der Uni Hohenheim dazu, die auch versucht zu erklären, warum die gewählte Sprache so kompliziert ist. Denn damit machen die Verfasser des Koalitionsvertrags der SPD-Basis die Entscheidung pro oder contra Große Koalition nicht einfach.

„Der Vertrag ist von der Verständlichkeit her noch anspruchsvoller als eine politikwissenschaftliche Doktorarbeit“, urteilt Prof. Dr. Frank Brettschneider, Leiter des Lehrstuhls für Kommunikationswissenschaft an der Universität Hohenheim. Sprachhürden seien Bandwurmsätze mit bis zu 86 Wörtern, Wortungetüme wie „Schnellreaktionsmechanismus“, „Methodenbewertungsverfahren“, „Arzneimitteltherapiesicherheit“ oder „Flächenneuinanspruchnahme“ oder Fachbegriffe wie „Thesaurierungsregelungen“, ??„Transphobie“, „Spitzenclusterwettbewerbe“, „Landesbasisfallwert“ oder „Interoperabilität“.

Dahinter könnte durchaus Kalkül stecken, so die Einschätzung des Wissenschaftlers. Sein Urteil bildete er aufgrund einer formalen Textanalyse, die sein Lehrstuhl zusammen mit dem Institut H&H Communication Lab durchführte.

Mit Hilfe einer Analyse-Software fahnden die Wissenschaftler um Prof. Dr. Brettschneider unter anderem nach überlangen Sätzen, Fachbegriffen, Fremdwörtern und zusammengesetzten Wörtern. Anhand dieser Merkmale bilden sie den „Hohenheimer Verständlichkeitsindex“, der von 0 (völlig unverständlich) bis 20 (sehr verständlich) reicht.??

Der Koalitionsvertrag erreicht einen Wert von 3,48. Zum Vergleich: Politikwissenschaftliche Doktorarbeiten erzielen durchschnittlich einen Wert von 4,7. Die Politik-Beiträge in der Bild-Zeitung liegen bei 16,8. Die Wahlprogramme zur Bundestagswahl 2013 erreichten einen Wert von 7,7. Das formal verständlichste Programm wurde von der CDU/CSU vorgelegt und kam auf einen Wert von 9,9.?? ??Formal noch am verständlichsten ist die Präambel (7,56). Formal am unverständlichsten ist das Kapitel über Europa (1,96). Um dieses und die meisten anderen Kapitel zu verstehen, sei die Sprachkompetenz auf dem Niveau von Akademikern erforderlich.??

Für die Unverständlichkeit kommen mehrere Gründe in Betracht: Zum einen ist der Koalitionsvertrag das Ergebnis von Expertenrunden. Diesen ist meist gar nicht bewusst, dass die Mehrheit der Bürger ihr Fachchinesisch nicht versteht.?? Zum anderen führen schwierige Kompromissbildungen zu relativierenden Schachtelsätzen. „Da kann dann jeder rein interpretieren, was er mag. Das erleichtert zwar den Kompromiss, sorgt aber nicht für Klarheit.“ Drittens sei nicht immer sicher, ob die Koalitionspartner wirklich verstanden werden wollen. „Immer wieder nutzen Parteien abstraktes Verwaltungsdeutsch auch, um unklare oder unpopuläre Positionen absichtlich zu verschleiern. Wir sprechen in diesem Fall von taktischer Unverständlichkeit“, sagt Prof. Dr. Brettschneider.??

Der Wissenschaftler weist in seiner Meldung darauf hin, dass die von ihnen gemessene formale Verständlichkeit natürlich nicht das einzige und auch nicht das wichtigste Kriterium sei, von dem die Güte eines Koalitionsvertrags abhänge. Wichtiger noch sei der Inhalt.

Ich frage mich allerdings nach dieser Analyse, ob es irgendjemanden gibt, der diesen Inhalt so versteht, dass er ihn mir oder einem Nicht-Akademiker verständlich wiedergeben kann ...


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