12.04.2013

Mahlzeit oder Frustzeit?


Zurzeit mache ich mir viele Gedanken über das Thema Mahlzeiten. Ich verwende extra diesen Begriff, weil das Mahl etymologisch der Zeitpunkt des Essens ist. Mir geht es also weniger darum, was ich esse, als vielmehr darum, wie die gemeinsamen Mahlzeiten in der Familie ablaufen. Geprägt bin ich von meiner Herkunftsfamilie, in der täglich mindestens vier Personen und drei Generationen an einem Tisch zusammenkamen.

Schon länger schleiche ich um ein Buch herum, das ich mir nun endlich gebraucht gekauft habe: „Was gibt’s heute? Gemeinsam essen macht Familien stark“ des dänischen Familientherapeuten Jesper Juul. Gut finde ich, dass er gleich am Anfang schreibt, dass dieses Buch ein sehr persönliches ist. Es gibt in diesem Sinne kein Richtig und kein Falsch, es gibt in seinen Augen aber Werte zu leben, für die sich Eltern selbst entscheiden (sollten).

So erfahre ich erst einmal einige grundsätzliche Dinge über die Beziehung zwischen Eltern und Kindern. Ich habe schon viel von Jesper Juul gelesen und schätze seine Gedanken sehr. Was ich lese, ist eine Auffrischung und zugleich führt es mich auf das Thema Essen hin – mit so einfachen wie komplexen Fragen, ob die Lust einfach über alles entscheiden kann. Das kann sie natürlich nicht. Denn eine (Un-)Lust auszudrücken „Das Essen mag ich nicht“ sagt noch lange nichts über das eigentliche Bedürfnis aus „Ich habe gerade keinen Hunger, weil ich bei Opa eine Brezel gegessen habe“.

Besonders gefreut habe ich mich über das Kapitel „Tischmanieren“, gerade weil es hier im Forum schon zu einigen Beiträgen geführt hat. Und weil ich selbst Mutter eines Vorschulkindes bin und mir Gedanken darüber mache, was ich wann und wie am besten ein- bzw. beibringe. Als ich das Kapitel las, war ich überrascht: Juul stellt hier „Tischmanieren für Eltern“ auf! Diese möchte ich euch (in meinen Worten ausgedrückt) mit auf den Weg geben. Die Tischmanieren könnten sogar hilfreich sein, wenn man nur mit einem oder mehreren anderen Erwachsenen am Tisch sitzt ...

  • Ist das Verhalten des Kindes Anlass für einen Konflikt: Vermeiden Sie es, jetzt bei Tisch darüber zu sprechen. Wählen Sie dafür einen anderen Zeitpunkt, unabhängig von der Mahlzeit.
  • Eine gemeinsame Mahlzeit bietet die Gelegenheit für Gemeinschaft, für Genuss und sie dient natürlich der Nahrungsaufnahme. Deshalb sollten Sie bei Tisch das Erziehen sein lassen und sich Kritik, Belehrungen, Bloßstellen oder Korrigieren verkneifen. Was Ihnen wichtig ist, sprechen Sie gesondert an, wenn das Kind aufnahmebereit ist, nach dem Motto: „Wir haben dir die ganze Zeit erlaubt, mit dem Essen schon zu beginnen, auch wenn noch nicht alle am Tisch saßen. Jetzt wünschen wir uns, dass du diese kurze Zeit abwartest, weil es uns wichtig ist, gemeinsam mit dem Essen anzufangen.“
  • Schenken Sie dem Kind nicht so viel Aufmerksamkeit, indem Sie es beim Essen ständig beobachten oder anstarren – auch nicht, wenn das wohlwollend geschieht. Das ist wenig förderlich für ein gutes Klima bei Tisch.
  • Gleiches gilt für den Drang, andauernd den Gesundheitsaspekt der Ernährung in den Vordergrund zu stellen.
  • Trinken Sie Alkohol nur in Maßen, damit Ihr Kind Sie wiedererkennen kann und die gewohnte Sicherheit hat, mit wem es hier am Tisch sitzt.
  • Vermeiden Sie Ablenkung durch Fernseher, Radio oder Telefon. Seien Sie präsent.

Der zweite Punkt ist Jesper Juul sehr wichtig, denn er betont ihn in seinem Buch mehrmals. Drohungen wie z. B. ein Tischverweis oder die Wegnahme des Essens als Erziehungsmaßnahme: Das mag den Gehorsam fördern, weil sich das Kind vor den Konsequenzen fürchtet. Welche Folgen diese Form von Anpassung haben, erleben viele Menschen aus meiner oder der Vorgänger-Generation oft genug am eigenen Leib.

Ich habe mal einen Mann kennengelernt, der Magenkrebs hatte. Er war in etwa so alt wie mein Vater. Er erzählte mir, dass er sich sehr intensiv damit auseinandergesetzt hat, warum gerade er, warum gerade im Magen. Als er ganz weit zurück in seine Kindheit blickte, wurde es ihm klar: Er musste als kleiner Bub immer alleine draußen im Flur essen, weil seine Eltern ihn des Tisches verwiesen hatten – wegen seines schlechten Benehmens. Ob das nun wirklich (mit) verantwortlich für seinen Krebs war oder nicht: Diese Schmach hat ihm als kleiner Junge so zugesetzt, dass er diesen Zusammenhang für möglich gehalten hat.

Gemeinschaft vor Erziehen – das erscheint mir ehrlich erstrebenswert, wenn es um ein so zentrales Element des Familienlebens geht, die Mahlzeit.


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Ganz einfach Dunja

Hier bloggt simplify-Redakteurin Dunja Herrmann über ihren Alltag, der oft alles andere als einfach ist. Und sie fragt sich und Ihre Leser stets: Geht’s einfacher? Mal findet sie eine Antwort, ein anderes Mal nicht. Der Blog „Ganz einfach Dunja“ kommt mit einem Augenzwinkern daher, nimmt die Leser mit auf Dunjas Weg zur Einfachheit. Übrigens: Hin und wieder genießt die Autorin die Komplexität: „Sie fordert mich einfach“...

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