23.10.2012

Mal sitzt die rosarote Brille auf, mal die schwarze


Neubaugebiete außerhalb der Stadt sind ein wahrer Familienmagnet. Das waren sie schon immer. Vor einiger Zeit besuchten wir den Spielplatz in einem solchen Neubaugebiet. Weil es dort genug Kinder gibt, war naturgemäß viel los. So bekam ich das Gespräch zweier Mütter mit, die sich über aktuelle Entwicklungen sorgten.

„Hast du schon mitbekommen, dass die Finkes sich auch trennen?“, fragt die eine die andere. „Ja, mein Mann hat’s mir schon erzählt. Das gibt’s doch gar nicht! Ausgerechnet die! Die haben doch immer gemeinsam etwas unternommen und waren viel unterwegs ...“ Eine wendet sich mir zu und meint: „Es ist wirklich wie verhext hier in unserem Baugebiet: Eine Familie nach der anderen trennt sich! Seit wir hierher gezogen sind, wird ein Haus nach dem anderen verkauft!“

Die beiden Ortsansässigen vertiefen das Gespräch. „Wir lassen uns davon nicht entmutigen!“, sagt die eine. „Ja, genau. Wir halten durch!“, schließt sich die andere solidarisch an. Sie fragen sich, woran es wohl liegt, dass eine Trennung oft der einzige Ausweg ist. „Niemand ist mehr bereit, sich für eine Beziehung einzusetzen“, höre ich eine sagen. „Viel zu schnell wird aufgegeben.“

Weiter kann ich das Gespräch nicht verfolgen, weil ich anderweitig gefordert bin. Ich selbst habe größten Respekt vor einer Beziehung, die es schafft Jahrzehnte zu überdauern. Trendforscher Matthias Horx hörte ich mal in einem Interview sagen, dieses klassische Beziehungsmodell sei längst überholt. Romantische oder nostalgische Vorstellungen existierten davon. Diese hätten mit der Realität wenig zu tun. Und die sieht mittlerweile vor, dass wir im Laufe unseres Lebens mehrere partnerschaftliche Beziehungen haben. Sozusagen zig Partner anstatt zig Jahre ...

Einmal zusammensein und dann einfach so weiterleben in den Rollen und auf dem Stand des Tages X (z. B. des Hochzeitstags): Das funktioniert heute nicht mehr. Individualisierung, Selbstverwirklichung, sich verändernde Familienstrukturen erfordern es, dass wir flexibel bleiben, unsere Beziehung immer wieder neu ausrichten und irgendwie im Gleichgewicht halten müssen.

Die Sache ist äußerst komplex. So verwundert es kaum, dass der Neustart nach einer missglückten Beziehung oft alles andere als einfach ist: Die Kinder vertragen sich nicht, die Ex-Frau oder der Ex-Mann nerven, Wohnungen oder Jobs wollen nicht aufgegeben werden, das Bildungsniveau stimmt nicht überein, die Schwiegermutter mischt sich ein, beim Sex passt’s nicht, zwei Hunde liegen mit im Bett, sie liebt Fleisch, er ist Vegetarier, sie will endlich Karriere machen, er noch Kinder haben – und so weiter und so fort. Was ich damit sagen will: Es wird nicht einfacher. So scheint es zumindest. Vielleicht befinden wir uns gegenwärtig in einer Phase des Umbruchs. Keiner weiß eigentlich so recht, wie das mit der Liebe überhaupt oder noch oder wieder funktioniert. Die Sehnsucht ist da, sie alleine genügt nicht.

So erleben wir dann ein bewegtes Ausziehen und Umziehen in den Häusern unserer Neubaugebiete. Schon der römische Dichter Horaz schrieb: „Das Schlimme in der Liebe ist, dass Krieg und Frieden ständig wechseln.“ Mir scheint, der „Krach“ an sich ist bekannt, nur das sich Trennen und das Patchworken in neuen Konstellationen ist noch relativ neu. Da bleibt uns fast nur, es wie Goethe zu halten und das zu genießen, was gegenwärtig ist: „Heut' ist mir alles herrlich; wenn's nur bliebe! Ich sehe heut' durchs Augenglas der Liebe.“


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Hier bloggt simplify-Redakteurin Dunja Herrmann über ihren Alltag, der oft alles andere als einfach ist. Und sie fragt sich und Ihre Leser stets: Geht’s einfacher? Mal findet sie eine Antwort, ein anderes Mal nicht. Der Blog „Ganz einfach Dunja“ kommt mit einem Augenzwinkern daher, nimmt die Leser mit auf Dunjas Weg zur Einfachheit. Übrigens: Hin und wieder genießt die Autorin die Komplexität: „Sie fordert mich einfach“...

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