09.11.2012

Schaffeln wir doch mal - Raus aus der Gewohnheitsfalle


Vor vielen Jahren, zu Beginn meiner Redakteurs-Karriere, war ich einmal in München zu Gast. Ich besuchte ein Seminar bei der Akademie der Bayerischen Presse (ABP). Das war eine lustige Zeit mit humorvollen Kolleginnen und Kollegen. Ich erinnere mich noch gerne daran. Seither habe ich den Newsletter der ABP abonniert. Dieser ist aus zwei Gründen für mich interessant (gewesen): Zum einen wegen der Jobliste mit Links auf freie Stellen im Bereich Redaktion, Journalismus und Unternehmenskommunikation (welch ein Wort!). Zum anderen wegen seines Vorwortes, das stets lesenswert ist.

Gerade am Mittwoch erreichte mich folgendes Vorwort von Claus Lochbihler, dem Seminarleiter der ABP:

„Liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe ABPler,??

per U-Bahn dauert mein Weg zur ABP vier bis sechs Pop-Songs. Wenn Coltrane sein Saxophon bläst oder Wes Montgomery ein Gitarrensolo hinlegt, sind es manchmal auch nur zwei Nummern. Heute hat der iPod Bonnie "Prince" Billy, Hildegard Knef, Ella Fitzgerald, Norah Jones und das "Million Dollar Orchestra" in mein Ohr geschaufelt. Wie jeden Morgen war ich das eine oder andere Mal versucht, auf "weiter" zu drücken - es könnte ja noch etwas Besseres kommen. Aber dann habe ich mich der Zufallsauswahl (von der man gern wüsste, wie zufällig sie tatsächlich ist!) anvertraut. Nicht nur aus morgendlichem Müdigkeits-Fatalismus, sondern vor allem, weil ich ein Fan der Shuffle-Funktion bin. Manchmal jedenfalls. Sie hält wach und bewahrt einen davor, sich in die Nische der eigenen Vorlieben und Befindlichkeiten zurückzuziehen. ??

Ich finde sogar, dass es im Leben mehr Shuffle-Funktion geben sollte. Für Texte zum Beispiel. Denn so großartig die personalisierte Lese-Auswahl auf Webseiten oder via Twitter auch ist: Man läuft Gefahr, nur das zu lesen, was einem in den Kram passt. Weltanschaulich, der Stimmung geschuldet oder weil ein Text gerade von zehn Facebook-Freunden geteilt wurde. ??

"Lesen Sie doch mal was ganz anderes - zum Beispiel das".?

"Sie haben gerade die zehnte Zippert-Glosse in zwei Wochen geklickt - lesen Sie mal wieder das Streiflicht oder Harald Martenstein!" ?

"Wenn Sie weiter ausschließlich Leitartikel zur Eurokrise lesen, droht Ihnen eine Depression - etwas ´Panorama` gefällig?" ??

So oder ähnlich könnte die Anti-Gewohnheits-Funktion für das Lesen im Netz funktionieren. Eine Mischung aus gelenktem Zufall und therapeutischem Gegenangebot. Man kann sie an- und abstellen, wenn man das Gefühl hat, dass das eigene Meinen, Denken und Lesen ein wenig Auffrischung vertragen könnte.“??

Als ich das las, kamen Erinnerungen in mir hoch: an meinen alten CD-Wechsler.  Was heute beim iPod „Shuffle“ heißt (für „mischen“), hieß damals noch „Random “ (für „nach dem Zufallsprinzip“).  Da ich es stets langweilig fand, eine CD von vorne bis hinten zu hören, habe ich mit Vorliebe auf Random gedrückt und mich überraschen lassen. Nach jedem Song gab es dann ein lautes CD-wechsel-Geräusch – gespielte CD wieder einholen, neue Kammer aussuchen, neue CD rausschieben, klack-klack – prrrrtst – klack-klack. War ich stolz auf meinen Wechsler! So ein Gerät hatte sonst niemand in meiner Clique.

Heute geht das natürlich viel einfacher: Musik auf den iPod, Shuffle-Funktion wählen und dann geht es geräuschlos von einem Song zum anderen. Meine Tochter hingegen, da bin ich mir sicher, würde von dem Durchbrechen der Gewohnheit gar nichts halten: „Nein, Mama! Das will ich nicht hören!!!“ „Beschwere dich beim iPod! Ich habe das Lied nicht ausgesucht!“ „Ich will das hören, was jetzt kommt. Nämlich das andere Lied!“ Ja, ich könnte es irgendwie nachvollziehen. Das kennt ihr sicher auch: Wenn ich ein ganzes Album oft genug gehört habe, beginnt der nächste Song im Kopf schon mit dem letzten Ton des noch laufenden Songs. Das hat etwas Vertrautes, manchmal schwingt Vorfreude mit, weil es vielleicht der Lieblingstitel ist. Gewohnheit ist gar nicht sooo schlecht!

Ich finde, der simplify-Blog ist eine gute Mischung: Man kann ich gewohnheitsmäßig lesen (und schreiben), wird aber täglich mit einem Thema überrascht, dass man sich vielleicht niemals selber ausgesucht hätte ...! Das geht selbst mir auf der schreibenden Seite so!

Wenn ich mir jetzt überlege, wo ich gerne eine Shuffle-Funktion hätte, dann wäre das bei der Auswahl eines Menüs im Restaurant. Ich bestelle meist dasselbe, weil ich weiß, was ich daran habe. Und wenn ich doch mal etwas anderes bestellte, landete ich bisher nur wenige Glückstreffer. Beim Shuffle-Menü könnte ich das ganz gelassen hinnehmen: Das habe ja ich nicht ausgewählt ...


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Hier bloggt simplify-Redakteurin Dunja Herrmann über ihren Alltag, der oft alles andere als einfach ist. Und sie fragt sich und Ihre Leser stets: Geht’s einfacher? Mal findet sie eine Antwort, ein anderes Mal nicht. Der Blog „Ganz einfach Dunja“ kommt mit einem Augenzwinkern daher, nimmt die Leser mit auf Dunjas Weg zur Einfachheit. Übrigens: Hin und wieder genießt die Autorin die Komplexität: „Sie fordert mich einfach“...

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