11.04.2013

Über Motivation, fremde Erwartungen und Wandlung


Vor etwa einem halben Jahr bat mich Andrea, die Frau meines Cousins, eine Rede für sie zu schreiben. Keine Rede über sie, sondern eine Rede, die sie zu einem Familienfest halten muss. „Du kannst das doch so gut“, sagte sie mir. „Ich habe dafür keine Begabung. Und du weißt, wie viel Wert meine Eltern darauf legen, dass mein Vortrag gut wird!“ Das Leben ist ein Geben und ein Nehmen, dachte ich, und sagte zu.

Ich hatte die bevorstehende Kommunion stets im Hinterkopf mit den mahnenden Worten: „Dunja, kümmere dich rechtzeitig.“ Doch dann kam mein Umzug und es fehlte die Zeit. Ich schob die Rede immer weiter hinaus. Und so langsam wurde es eng. Ich merkte: Lust habe ich keine, mir fallen jede Menge Dinge ein, die ich viel lieber erledigen würde. Gegen Ende des Zeitfensters, das ich ausreizen konnte, sprach mich Andrea immer wieder an: „Hast du dir denn schon Gedanken gemacht? Ich habe mir überlegt, du könntest auch Musik abspielen oder Bilder zeigen. Du kannst auch Lenas Patentante anrufen, vielleicht fällt ihr noch etwas ein.“ Da merkte ich, wie hoch ihre Erwartungshaltung war, und meine Motivation sank weiter.

Dann kam er, der freie Tag, an dem ich mich der Rede widmen wollte. Mehrere Stunden bastelte ich daran herum. Während ich am Computer saß, war draußen schönstes Frühlingswetter. Ich war frustriert. Mein Ergebnis war langweilig und ohne Pfiff. Was folgte, waren lange Diskussionen mit meinem Partner darüber, was hier gerade passierte: Ich hatte etwas zugesagt, um eine Erwartung zu erfüllen, und dabei meine eigenen Bedürfnisse übergangen. Diese hatten sich nun mit einer massiven Blockade zu Wort gemeldet. Am Ende des Tages rauchte mir der Kopf. Ich konnte doch so kurz vor dem Ziel nicht absagen und die Aufgabe an Andrea zurückgeben!?

Genau das wollte ich am nächsten Tag tun. Ich hatte im Internet die Seite www.redenwelt.de aufgestöbert, die Tipps zu allen erdenklichen festlichen Anlässen bereithält. Darunter auch Tipps zur Kommunion-Rede. Was ich dort las, brachte mich auf eine weitere Idee: Könnte nicht die Patentante die Rede halten? Sie kennt Lena sogar besser als ich. Also rief ich bei Andrea an. Mein Cousin ging ans Telefon und schaltete den Lautsprecher an, sodass beide zuhören konnten, was ich zu sagen hatte: „Andrea, ich habe festgestellt, dass ich die Falsche bin, um deine Rede zu schreiben. Es war ein Fehler, dir meine Zusage zu geben. Es gibt eine Homepage mit guten Tipps zum Redenschreiben. Damit schaffst du es bestimmt alleine. Vielleicht sprichst du auch mal mit Elisabeth, ob sie sich darum kümmern möchte.“

Andrea zeigte mir ganz deutlich ihre Entrüstung. Das könne ich doch nicht tun! Sie so kurzfristig im Stich lassen! Dann sprach mein Cousin: „Ich bin enttäuscht, weil ich gehofft hatte, dass meine Familie ebenfalls einen Beitrag zum Gelingen von Lenas Fest leistet.“ Das stimmte mich nachdenklich. Seine Eltern sind bereits verstorben, ich bin die nächste Verwandte. Mein Kopf arbeitete fieberhaft an einer Lösung, weil ich merkte, welche Bedeutung mein Beitrag für ihn hatte. Dann fiel mir plötzlich ein Aufhänger für die Rede ein. „Okay, wenn ich es auf diese Art mache, könnte ich mir vorstellen, dass es klappt!“ Damit löste ich mich von Andreas Vorgaben und begann, etwas Eigenes einzubringen. Ich kam ins Gestalten. Innerhalb von zwei Stunden hatte ich eine Rede geschrieben, die Hand und Fuß hatte, witzig war und Lenas Nerv treffen sollte. Was soll ich sagen: Die Kommunion war am Wochenende; die Rede, die Andrea mit meiner Vorlage hielt, war der Knaller!

Diese Geschichte hat mir einiges gezeigt:

  • Wenn ich keine Motivation habe, etwas zu tun, muss es nicht zwangsläufig an der Aufgabe liegen.
  • Wenn ich bei mir selbst bleibe und auch Nein sagen kann, geht es mir besser.
  • Wenn ich ausspreche, wie es mir geht und anderen einfühlsam zuhöre, können sich die Dinge wandeln.

Und bei der nächsten Anfrage verweise ich lieber gleich auf redenwelt.de ...


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Hier bloggt simplify-Redakteurin Dunja Herrmann über ihren Alltag, der oft alles andere als einfach ist. Und sie fragt sich und Ihre Leser stets: Geht’s einfacher? Mal findet sie eine Antwort, ein anderes Mal nicht. Der Blog „Ganz einfach Dunja“ kommt mit einem Augenzwinkern daher, nimmt die Leser mit auf Dunjas Weg zur Einfachheit. Übrigens: Hin und wieder genießt die Autorin die Komplexität: „Sie fordert mich einfach“...

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