02.01.2012

Verlernen wir das Genießen?


Am 4. Adventswochenende war ich Stammkundin bei einer Tankstelle. Das lag nicht an den günstigen Benzinpreisen vor Weihnachten, sondern an der unmittelbaren Nachbarschaft meines Hotels zur Tankstelle. Am ersten Abend stach mir vorne an der Theke die 51. Ausgabe des Sterns ins Auge. Ich weiß nicht, ob es an dem muskulösen Mann auf dem Titelbild lag oder an der Titelgeschichte „Arbeit ist der neue Sex“: Ich wurde neugierig. Der Ausschlag, das Magazin zu kaufen, gab die erläuternde Überschrift: „Millionen Deutsche arbeiten mit Lust und Hingabe und verlernen darüber, das Leben zu genießen.“

In meinen Gedanken spielte sich innerhalb der nächsten Sekunden folgendes ab: Ja, ich arbeite mit Lust und Hingabe. Und ja, viel Zeit das Leben zu genießen habe ich nicht. Und außerdem wäre das ein gutes Thema für meinen Blog. Bis jetzt bin ich noch nicht dazu gekommen, den ganzen Beitrag zu lesen. Ich habe nur hier und da quer- und reingelesen. Das alleine war schon recht interessant, wenn ich es in Bezug setze zu dem, was ich an diesem Abend gemacht hatte. Denn sinngemäß geht es genau um das. An meiner Arbeit liebe ich die Eigenverantwortung, meine Freiheit und das Private verstehe ich „als Umrahmung des Berufslebens“, wie es Stern-Redakteur Rüdiger Barth umschreibt.

Ich gehe zwar nicht früher von der Arbeit nach Hause, weil ich zu Hause arbeite. Aber es stimmt, ich bin erreichbar. Per E-Mail bis spät in den Abend. Und meine Arbeit, die nehme ich in Gedanken überallhin mit – selbst zur Tankstelle. Als mich in dieser Nacht um 1 Uhr eine SMS aus dem Schlaf weckte, setzte ich mich hin und schrieb einen Blog-Beitrag, weil ich ohnehin nicht mehr einschlafen konnte.

Was schließt Barth daraus? Hier seine Thesen: „Wir sitzen in der Falle unserer Sehnsucht. Wir sind auf dem besten Wege, jenseits der Arbeit das Genießen zu verlernen. (...) Genießen heißt angstfreies, zweckfreies Sein. Dazu braucht es Aufmerksamkeit, Hingabe, Gelassenheit. (...) Was wichtig ist, interessiert nicht mehr, nur das, was schön ist. Es geht beim Genuss nicht darum, die Zeit auszupressen, es geht darum, die Zeit zu vergessen, das Leben anzuhalten.“

Wer hätte das gedacht! Den ganzen Sommer über lesen wir von Burnout, von Menschen, die unglücklich in ihrer Arbeit verharren, sich verausgaben, darüber zerbrechen. Die Lösung, so scheint es, ist die Arbeit mit Lust und Hingabe. Seine Berufung leben. Die Arbeit ins private Leben integrieren. Das, was uns erfüllt, zum Beruf machen. Und nun das, wir vergessen, wozu es sich lohnt mit Mühe zu arbeiten. Um spontan, intensiv und mit allen Sinnen das Leben genießen zu können. Zumindest zeitweise. Selbst mit unseren Kindern fällt es schwer, obwohl sie die besten Lehrer sind, die wir haben.

Wenn ich mich mit Menschen unterhalte, die sich jeden Morgen zur Arbeit quälen, wünsche ich ihnen, den inneren Antrieb wenigstens einmal erleben zu können, den ich so oft verspüre. Ich wollte nicht tauschen. Ich bin aber auch groß geworden in einer Familie, in der Arbeit außerhalb fester Zeiten völlig normal war. Ich kenne nicht das „um fünf Uhr den Bleistift fallen lassen.“ Freilich, der Genuss, den meine Eltern pflegen, den kenne ich trotzdem nur noch mikroanteilsweise.

Und nun? Ich bin weder besorgt, noch erschrecken mich die neuen Thesen. Ich bin nur nachdenklich geworden. Wenn ich mal Zeit habe, werde ich nicht ganz zweckfrei den ganzen Beitrag lesen und das Thema hier bestimmt noch einmal aufgreifen.


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Hier bloggt simplify-Redakteurin Dunja Herrmann über ihren Alltag, der oft alles andere als einfach ist. Und sie fragt sich und Ihre Leser stets: Geht’s einfacher? Mal findet sie eine Antwort, ein anderes Mal nicht. Der Blog „Ganz einfach Dunja“ kommt mit einem Augenzwinkern daher, nimmt die Leser mit auf Dunjas Weg zur Einfachheit. Übrigens: Hin und wieder genießt die Autorin die Komplexität: „Sie fordert mich einfach“...

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