26.01.2012

Von den Eltern, die auszogen, um das Erziehen zu lernen – Woche 4: Jeder hat Bedürfnisse


Das Kind unseres Elternpaares war nun in einem Alter, in dem es immer deutlicher signalisierte, was es wollte. Der Mama standen regelmäßig Schweißperlen auf der Stirn, wenn sie mit ihm draußen war und eine Straße überqueren musste. Ihr Kind rannte einfach los! „Oh, wie gefährlich!“, dachte die Mama und rannte hinterher.

Ihr Kleines fand das äußerst amüsant – ein tolles Spiel war das! Es rannte weg, und Mama versuchte es einzuholen. Dass es dabei wirklich unter ein Fahrzeug geraten konnte, war ihm nicht bewusst. Also packte Mama ihr Kind schon rechtzeitig fest an der Hand, wenn sie in Straßennähe waren. „Alleine!“, sagte der Nachwuchs und versuchte mit aller Kraft, sich loszureißen. Das Kind rannte auch schon mal schnurstracks auf die Straßenmitte zu. Die Mama war ratlos. Dieser Kampf! Andere Kinder hatten einen solchen Respekt vor Autos und liefen freiwillig ängstlich an Mamas Hand. Doch ihres war so ungestüm, dass sie sich ernsthaft Sorgen machte.

Andere Situationen, die waren weniger gefährlich, dafür aber weitaus unangenehmer für das Elternpaar. So hatte der Papa zum Beispiel die Aufgabe, am Samstagmorgen mit dem Kind einkaufen zu gehen. Die Mama erledigte in der Zeit Hausarbeit. Dass ihr gemeinsames Kind im Supermarkt in jeden Apfel beißen und mit Kohlköpfen spielen wollte, damit sollte sich auch der Papa einmal auseinandersetzen ... Doch wenn es nur das gewesen wäre! Immer wenn sie an der Kasse standen – natürlich nicht immer, aber es kam dem Papa so vor –, veranstaltete sein Kind ein Riesentheater! Entweder es wollte unbedingt etwas von den Süßigkeiten, oder es rannte einfach nach draußen in Richtung Parkplatz, oder es kroch auf dem Boden herum.

Dem Papa waren die Hände gebunden! Seine Waren auf dem Band, seine Bank-Karte in der Hand der Kassiererin und zehn Menschen in der Schlange hinter ihm – wie sollte er sich da noch angemessen um das Kind kümmern? Er hatte anderes im Kopf! Musste den Einkauf verräumen, seine Unterschrift abgeben, seinen Kassenbon entgegennehmen. Man kann es sich vorstellen, dass der Papa an solchen Tagen mit hochrotem Kopf, heruntergeschlucktem Ärger und von mitleidigen Blicken begleitet aus dem Supermarkt ging – ob mit oder ohne Kind, das war ihm dann fast schon egal. Hauptsache, er konnte der Situation schnell entfliehen!

So konnte es nicht weitergehen. Die Eltern waren wirklich sehr verständnisvoll und redeten mit ihrem Kind über solche Situationen. Das es gefährlich sei über die Straße zu laufen, dass es peinlich sei im Supermarkt zu brüllen, dass man solche Dinge einfach nicht tue. Doch das Kleine hörte meist gar nicht hin oder hielt sich ganz einfach die Ohren zu. Das Elternpaar kam sich vor wie ein großer Ball, den das Kind einfach zur Seite schubsen konnte, wenn er ihm im Weg lag. Zu dieser Zeit stellte das Paar fest, dass es noch mehr Eltern gab, deren Kinder etwas anderes wollten als sie selbst. Es schloss sich diesen Eltern an und folgte ihnen zu einer Frau, die für solche Fälle eine Lösung hatte.

Dort lernte das Elternpaar die Bedürfnisse seines Kindes kennen. Zum Beispiel das Bedürfnis nach Selbstbestimmung, das nach Sicherheit, nach Aufmerksamkeit, Ruhe oder Zugehörigkeit. Es erfuhr, dass das Verhalten seines Kindes unmittelbar damit zusammenhing, ob eines dieser Grundbedürfnisse gerade erfüllt war oder nicht. Wenn es dem Elternpaar gelänge, das richtige Bedürfnis zu erspüren oder zu erfragen, wäre ihm und dem Kind schon viel geholfen. Denn das Kind wolle mit seinen Bedürfnissen wahrgenommen werden, was nicht heißt, dass sie auch zu erfüllen wären. Das Elternpaar lernte auch, dass jeder von ihnen eigene Bedürfnisse hatte – und zwar mitunter solche, die dem des Kindes entgegenstanden. Und das war gut und richtig so! Bisher hatte das Elternpaar immer gedacht, es sei schlecht, etwas zu wollen und das auch auszudrücken. Das sei egoistisch.

Nun wusste es also, dass jeder seinen Willen haben durfte. Die Herausforderung im Alltag war es nun, anhand der eigenen Gefühle und der ihres Kindes herauszufinden, wer welches Bedürfnis hatte. Warf sich das Kind nun wütend auf den Boden, weil es wirklich die Schokolade haben wollte? Oder war es ihm nach einer Stunde einkaufen einfach zu langweilig? Gelegenheiten gab es genügend, um das herauszufinden. Das Elternpaar versuchte von nun an, sich in das Kind einzufühlen und sich selbst Einfühlung zu geben. Es sagte, was ihm wichtig war. Es versuchte eine Lösung herbeizuführen, bei der sich die Bedürfnisse aller erfüllen ließen. Erstaunlicherweise taten sich immer wieder solche Lösungswege auf. Keine Kompromisse, sondern echte Alternativen. „Ist das nicht toll?“, sagte die Mama zu ihrem Mann. „Wenn es die roten Schuhe anziehen will und ich für die grünen bin, dann nehmen wir eben die blauen, wenn es für uns beide in Ordnung ist.“

Doch manchmal waren für Mama oder Papa auch Dinge „in Ordnung“, die gegenüber ihren Mitmenschen eher das Gegenteil waren. Da sie aber ganz neu gelernt hatten, sich selbst treu zu sein, übersahen sie das manchmal. Auch, dass Dinge für sie „in Ordnung“ waren, weil es so bequemer für sie war. Sollte ihr Kind doch Nachbars Garten überschwemmen – es war doch ein Kind! Und sie hätten sich ohnehin nicht zu helfen gewusst, also versuchten sie, den Freiheitsdrang ihres Kindes zu unterstützen anstatt streng und wütend zu sein.

Natürlich kam es immer noch zu Konflikten zwischen den Erwachsenen und ihrem Kind. Doch auch hier hatte das Elternpaar Erfolgserlebnisse: Manchmal erspürte es genau das Bedürfnis seines Kindes, sprach es aus – und schon war die Situation entschärft. Und Mama oder Papa hatten in solchen Momenten das Gefühl, in einer guten Verbindung mit ihrem Kind zu sein. Das bestätigte sie darin, den eingeschlagenen Weg weiter zu verfolgen.


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Ganz einfach Dunja

Hier bloggt simplify-Redakteurin Dunja Herrmann über ihren Alltag, der oft alles andere als einfach ist. Und sie fragt sich und Ihre Leser stets: Geht’s einfacher? Mal findet sie eine Antwort, ein anderes Mal nicht. Der Blog „Ganz einfach Dunja“ kommt mit einem Augenzwinkern daher, nimmt die Leser mit auf Dunjas Weg zur Einfachheit. Übrigens: Hin und wieder genießt die Autorin die Komplexität: „Sie fordert mich einfach“...

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