02.02.2012

Von den Eltern, die auszogen, um das Erziehen zu lernen – Woche 5: Aber was ist mit Grenzen?


Das Elternpaar hatte nun ganz neu die menschlichen Bedürfnisse kennengelernt. Natürlich wusste es auch schon vorher, dass es diese gibt. Aber es hatte sich nie Gedanken über die grundlegendsten Bedürfnisse gemacht, weder sich selbst noch sein Kind betreffend. Was es außerdem gelernt hatte bei der Frau, die eine Lösung hatte, waren die Ich-Botschaften. Und zwar solche, die auch wirklich so gemeint waren. So sagten die Eltern nicht mehr „Man geht nicht einfach über die Straße!“ zu ihrem Kind, sondern stattdessen: „Ich will, dass du auf mich wartest, damit wir gemeinsam über die Straße gehen.“ 

Das macht einen Unterschied! Die Eltern mussten sich nicht mehr hinter dem verstecken, was „man“ so macht! Sie lernten endlich, die Dinge so zu sagen, wie sie für beide stimmig waren. Das kam von innen heraus. Und was von innen heraus kommt – das können wir uns denken -, das kommt bei Kindern auch wirklich an! Oh, es gab viele Situationen, in denen das Elternpaar von seinem Kind etwas wollte, was „man“ so machte oder eben gerade nicht machte: mit Fingern auf andere Menschen zeigen, der Nachbarin die Zunge rausstrecken, einen Haufen Erde auf einen Käfer schaufeln oder mit vollem Mund sprechen.

Ich-Botschaften waren auch dann ratsam, wenn das Elternpaar seinem Kind grundsätzlich etwas beibringen wollte oder wenn es wollte, dass das Kind etwas tut. Statt „Hör jetzt auf, mit der Puppe zu spielen, wir müssen los“ sagten sie nun: „Ich möchte, dass du die Puppe beiseite legst, damit wir losgehen können.“ Je älter das Kind, desto prompter kam die Antwort: „Ich will aber spielen!“ Ja, das ist wieder ein anderer Meilenstein auf dem Weg, das Erziehen zu lernen.

Doch wir wollen nicht vorgreifen ... Dem Elternpaar gefiel es so gut bei der Frau, die eine Lösung hatte, dass es sich mit ihr anfreundete. Die Frau hatte einen Sohn im Alter ihres Kindes. So kam es, dass die beiden Frauen sich immer mal wieder trafen, um ihre Freundschaft wachsen zu lassen. So sehr sie diese Frau auch mochte und ihre Arbeit schätzte: Die Mama unseres Kindes beschlich manchmal ein komisches Gefühl. Immer dann, wenn der Sohn ihrer neuen Freundin aggressiv auf ihr Kind reagierte. Mal schubste er es, mal provozierte er es oder trat äußerst bestimmend ihm gegenüber auf.

Die Mama war ganz erstaunt: Der Sohn der Frau, die eine Lösung wusste, benahm sich in ihren Augen total daneben! Wie konnte das sein? War die Lösung etwa doch nicht der Königsweg? Es musste ja so sein, wenn die Frau, die sich bestens damit auskannte, bei ihrem Kind nicht weiterkam. Die Mama beobachtete das. Nein, sie hatte sich getäuscht! Der Freundin schien das Benehmen ihres Sohnes gar nichts auszumachen. Fiel ihr es vielleicht gar nicht auf?

Die Mama sprach ihre Freundin irgendwann darauf an: „Du, ich finde es nicht in Ordnung, wenn dein Sohn mein Kind so behandelt. Deine Lösung gefällt mir zwar außerordentlich gut. Aber irgendwo muss es doch Grenzen geben, oder nicht?“ Was die Mama nun zu hören bekam, missfiel ihr: „Es hat etwas mit deinem Kind zu tun, weshalb mein Sohn solche Dinge macht“, sagte ihre Freundin. „Irgendetwas an ihm muss meinen Sohn dazu auffordern, aggressiv zu werden.“

Aha, so sah ihre Freundin das also! Das Elternpaar redete darüber und stellte fest, wie enttäuscht es war. Beide hatten sich auf dem richtigen Weg gesehen, aber diese Geschichte passte so gar nicht ins Bild. Irgendwo muss doch eine Grenze sein. Können wir unserem Kind denn alles erlauben? Zum Beispiel, dass es die persönlichen Grenzen eines anderen Menschen überschreitet? Die Mama nahm von nun an etwas Abstand zu ihrer neuen Freundin. Sie brauchte Zeit. Zeit, um herauszufinden, was es mit den „Grenzen“ auf sich hatte.


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Ganz einfach Dunja

Hier bloggt simplify-Redakteurin Dunja Herrmann über ihren Alltag, der oft alles andere als einfach ist. Und sie fragt sich und Ihre Leser stets: Geht’s einfacher? Mal findet sie eine Antwort, ein anderes Mal nicht. Der Blog „Ganz einfach Dunja“ kommt mit einem Augenzwinkern daher, nimmt die Leser mit auf Dunjas Weg zur Einfachheit. Übrigens: Hin und wieder genießt die Autorin die Komplexität: „Sie fordert mich einfach“...

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