16.02.2012

Von den Eltern, die auszogen, um das Erziehen zu lernen – Woche 7: Konsequenzen aufzeigen


Authentisch zu sein, das fiel unserem Elternpaar gar nicht so leicht. Vor allem Mama hatte damit ihre Probleme, war sie doch die ersten 20 Jahre ihres Lebens stets angepasst gewesen und hatte die Botschaften aus ihrem Innern den anderen Dingen untergeordnet. Nun wollte sie endlich sich und dem Kind gegenüber so auftreten, wie es ihr entsprach. Gemeinsam übten sie und ihr Mann daran.

Allerdings gab es oft einen Punkt, an dem sie nicht weiterwussten: Ihr Kind wollte etwas, sie wollten etwas anderes UND sie wollten authentisch bleiben. Schließlich waren sie einige Jahre älter als ihr Kind und konnten bestimmte Situationen besser einschätzen. Außerdem wollten sie ihrem Kind beibringen, sich in der Gesellschaft zurechtzufinden und sozial zu sein. Oh, damit taten sie sich sehr schwer! Früher hatten sie immer alles erklärt und ihr Kind um seine Meinung gefragt und möglichst alles mit ihm gemeinsam entschieden. Aber je älter der Nachwuchs wurde, desto mehr Facetten seines Verhaltens wurden für das Elternpaar sichtbar. Es merkte: Reden auf Augenhöhe reicht nicht – wir müssen ihm manchmal aufzeigen, wo es langgeht.

Als das Elternpaar einmal mit seinem Kind auf einem Spielplatz war, wollte das Kleine schaukeln. Doch die Schaukel war schon besetzt, und das Mädchen darauf wollte nicht aufhören. Das Elternpaar sah, wie die Mutter des Mädchens hinlief, kurz mit ihm redete. Dann stieg die Tochter ab, mürrisch zwar, aber sie tat es. Die Mama unseres Kindes war verblüfft: Wie hatte die Mutter das so schnell erreicht? Sie fragte sie und bekam zur Antwort: „Toll finde ich meine Lösung auch nicht“, sagte die Mutter, „aber ich habe ihr gesagt, dass sie entweder freiwillig Platz für den nächsten macht oder ich sie von der Schaukel nehme.“

Schau an, dachte die Mama, andere Mütter gebrauchen auch das „Entweder ... oder“. Sie hatte bisher keinen großen Erfolg damit gehabt. Ihrem Kind drohen oder es erpressen wollte sie ungern. Doch die Szene, die sie gerade beobachtet hatte, löste kein negatives Gefühl in ihr aus. Die Mutter war ruhig geblieben, sie hatte ihrer Tochter zwei Möglichkeiten aufgezeigt. Die Kleine durfte ihren Frust zeigen. Und sie hatte gelernt, dass es in dieser Welt noch andere kleine Menschen gibt, die gerne auf die Schaukel möchten.

Unser Elternpaar lernte immer mehr dazu, indem es andere Eltern beobachtete. Nicht um zu bewerten, sondern um zu erspüren, wie sich die eine oder andere Lösung für es anfühlte. Dann traf es auf ein anderes Elternpaar, das ein gleichaltriges Kind hatte. Die Mutter war sehr konsequent in ihrem Handeln. Auch sie zeigte ihrem Sohn Möglichkeiten auf, und zwar nur solche, die sie mit sich vereinbaren konnte. Für unser Elternpaar war es faszinierend, diese Erziehung zu erleben. Die Mama war wieder neugierig und fragte bei der Mutter nach: „Wie machst du das?“

„Ich überlege mir vorher genau, was ich will und was ich vertreten kann. Wenn ich sage: ‚Du kommst jetzt mit oder ich lasse dich alleine hier auf dem Spielplatz stehen’, dann ist das eine leere Drohung! Ich kann ein kleines Kind nicht alleine dort stehen lassen! Genauso falsch wäre es in meinen Augen, es zum Beispiel mit Bonbon-Entzug zu bestrafen. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun“, erläuterte sie. Die Mama fieberte kurz nach einer anderen Lösung, erfolglos. „Ja, was schlägst du dann in einer solchen Situation vor?“, fragte sie die andere. „Gestern gab es eine ähnliche Situation, in der mein Sohn die ganze Zeit vorneweg lief und andere Kinder gar nicht nach vorne ließ. Ich habe ihn gebeten, sich mit den anderen abzuwechseln. Er ignorierte mich. Also schlug ich ihm vor, sich entweder abzuwechseln oder stattdessen an meiner Hand zu laufen. Er lief weiterhin vorneweg. Also nahm ich ihn an die Hand – er schrie den ganzen Weg über.“ „Ich verstehe“, sagte die Mama. „Du warst authentisch. Sein Verhalten wolltest du nicht durchgehen lassen, und du hast sofort gehandelt. Er wird dich ernst nehmen.“ Wenn sie an sich und ihren Mann dachte: Sie redeten und redeten und redeten, obwohl sie es eigentlich schon lange Leid waren. Ob sie das geschafft hätte, ein brüllendes Kind hinter sich her zu ziehen?

„Das hört sich alles interessant an“, schaltete sich dann der Papa ein. „Aber ich hätte gar keine Idee, welche Möglichkeiten ich meinem Kind aufzeigen könnte.“ „Die brauchst du aber“, sagte nun der befreundete Vater. „Ich habe auch am Anfang Konsequenzen genannt, die ich gar nicht umsetzen konnte. Deshalb sei dir vorher im Klaren, was du willst und kannst.“ Die Mama interessierte nach dieser Lektion noch eins: „Wie bist du denn erzogen worden?“, wollte sie von der Mutter wissen. „Mir hat meine Mama alles abgenommen. Jeden Wunsch erfüllte sie mir. Damit hatte ich als junge Erwachsene sehr zu kämpfen. Ich war wenig selbstständig. Ich musste erkennen, dass andere nicht nach meiner Pfeife tanzen wollten. Das zu ändern war ein hartes Stück Arbeit für mich. Mein Sohn soll es einfacher haben im Leben.“

Dieses Aufeinandertreffen machte das Elternpaar nachdenklich. Wie es wohl wäre, wenn es in Zukunft einfach handeln würde, anstatt sein Kind zehnmal darum zu bitten, etwas zu unterlassen? Das wäre sehr authentisch, dachte jeder von beiden für sich.


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Hier bloggt simplify-Redakteurin Dunja Herrmann über ihren Alltag, der oft alles andere als einfach ist. Und sie fragt sich und Ihre Leser stets: Geht’s einfacher? Mal findet sie eine Antwort, ein anderes Mal nicht. Der Blog „Ganz einfach Dunja“ kommt mit einem Augenzwinkern daher, nimmt die Leser mit auf Dunjas Weg zur Einfachheit. Übrigens: Hin und wieder genießt die Autorin die Komplexität: „Sie fordert mich einfach“...

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