04.12.2013

Wie geht Zeit?


Es gibt den Tag, da ist es hell. Es gibt die Nacht, da ist es dunkel. Es gibt eine Zeit, in der es kalt ist und Schnee vom Himmel fällt. Es gibt den Sommer, in dem man baden geht. Im Herbst fallen die Blätter von den Bäumen und im Frühling schießen erste blühende Blumen aus dem Boden. Das ist in den ersten Jahren unseres Lebens unser Verständnis von Zeit. Irgendwann lernen wir einzuschätzen, was fünf Minuten sind oder eine Viertelstunde. Doch was eine ganze Woche ist, eine Dreiviertelstunde oder ein halbes Jahr, das vermögen wir kaum zu überschauen.

Kinder leben außerhalb der Zeit. „Wie schön!“, sagen viele Erwachsene. Denn die Kleinen kennen noch keine zeitlichen Zwänge, sie bekommen höchstens Druck von den Großen, dass sie schneller machen sollen. „Zackig, zackig, auf, auf“: jeden Morgen dasselbe Spiel. Die Erwachsenen müssen zur Arbeit, die Kinder in den Kindergarten oder zur Schule. „Mein Mann macht das immer in Feldwebel-Manier“, erzählte mir mal eine Mutter. „Irgendwie sind die Kinder bei ihm pünktlicher fertig als bei mir.“ „Mach schnell, wir müssen zum Turnen, mach endlich deine Hausaufgaben, wir müssen noch einkaufen!“ Von morgens bis abends regiert bei uns die Zeit. Und obwohl Kinder noch gar nicht wissen, wie Zeit geht, spüren sie, welche Macht sie hat, wie sie die Menschen in Schach hält.

Meine Tochter interessiert sich gerade für die Uhr. Was bedeutet es, wenn die Zeiger so stehen oder so? Das Prinzip hat sie gut verstanden, was mir zeigt: Sie ist bereit, mehr über die Zeit zu erfahren. Kurzzeitig flammte in mir eine Idee auf: Ich könnte das Interesse nutzen, damit sie selbstständiger wird, damit ich mir das „Komm, zieh’ dich an“ sparen kann. Im Geiste erstellte ich einen kindgerechten Ablaufplan für den Morgen, vom Aufstehen übers Zähneputzen bis hin zum Verlassen der Wohnung. Neben jede Station könnte ich die Uhrzeit grafisch darstellen – wenn sie diese mit der laufenden Uhr vergleicht, könnte sie selbst erkennen, das es Zeit ist, den nächsten Programmpunkt anzugehen.

Doch Halt! Ich trat voll auf die Bremse! Würde sie sich dann nicht der Zeit vollkommen unterjochen? Völlig durchgetaktet durchs Leben ziehen? Ich erstellte ein Worst-Case-Szenario: Nein, das konnte ich meinem Kind nicht antun! Doch welcher Weg ist besser? Gibt es überhaupt einen Weg, der daran vorbeiführt, sich von der Zeit abhängig zu machen? Schließlich gebe ich nicht die Zeiten vor, in denen die Schule, der Musikunterricht, Papas Arbeit oder das Fernsehprogramm beginnen. Doch wir müssen uns, mal mehr, mal weniger strikt, daran halten!

Für mich ist es spannend, diese Entwicklung zu beobachten, die Zwänge wahrzunehmen, denen wir unterliegen, und die Strategien zu sehen, die ein Kind wählt, um mit dem Zeitdruck umzugehen. Einen richtigen Weg wird es, wie so oft, nicht geben.


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Hier bloggt simplify-Redakteurin Dunja Herrmann über ihren Alltag, der oft alles andere als einfach ist. Und sie fragt sich und Ihre Leser stets: Geht’s einfacher? Mal findet sie eine Antwort, ein anderes Mal nicht. Der Blog „Ganz einfach Dunja“ kommt mit einem Augenzwinkern daher, nimmt die Leser mit auf Dunjas Weg zur Einfachheit. Übrigens: Hin und wieder genießt die Autorin die Komplexität: „Sie fordert mich einfach“...

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