28.06.2013

Wie wir lernen, uns abzuwerten


Meine Tochter war noch ein Baby, als eine Freundin mit zwei älteren Kindern zu mir sagte: „Es gibt so viele schlechte Kinderbücher, das ist kaum zu glauben!“ Inzwischen habe ich mir selbst ein Bild machen können. Und ja, nicht jedes Buch passt zu meiner Erziehungseinstellung oder zu meiner Vorstellung von einem guten Text.

Meine erste Erfahrung in dieser Hinsicht machte ich mit einem Buch, das wir geschenkt bekamen. „Der Bestseller“ stand hinten auf dem Klappentext. Es muss also ein gutes Buch sein, dachte ich und las daraus vor. Teilweise ließ ich ganze Geschichten oder Textstellen aus. Oder in mir sträubte sich innerlich alles dagegen, diesen schnoddrigen Ton und die abwertenden Dialoge auch noch vorzulesen. Meine Tochter fand’s toll. Wie ich hörte, andere Kindergartenmuttis auch. Selbst die Rezensionen bei amazon.de sind überwiegend positiv. Für mich kaum verständlich ... Denn ich vermeide es, meinem Kind (oder einem anderen) einen Stempel aufzudrücken, à la Rotzbengel, Heulsuse, Angsthase oder ungeduldiges Kind. Wir sind wie wir sind, im einen Moment so, im anderen so. Wir sind nicht grundsätzlich nett, faul, doof, brav, frech oder schüchtern. Wer jedoch von Kindesbeinen an glauben gemacht wird, dass es so ist, wird als Erwachsener nur schwer davon loskommen.

Neulich las ich aus einem Buch vor, in dem es um negative Gefühle geht. Angeblich bietet es Lösungen, wie man diese konstruktiv nutzen kann. Ich habe noch keine gefunden, außer dass die kleine Schwester den großen Bruder verprügelte und sich damit durchsetzen konnte. Die Sprache ist alles andere als vorlesefreundlich. Die Sätze sind kurz. Kinder verstehen das besser. Erwachsene lesen das vor. Es klingt wie aus dem Maschinengewehr. Reden wir so mit unseren Kindern?

Beim Thema „Angst/Mut“ gibt es eine Geschichte, in der das ängstliche Mädchen sich selbst beschimpft. „Ich Schisshase!“, sagt es zu sich, weil es sich nicht traut, einen bestimmten Weg entlangzugehen. Als ich das laut las, lenkte ich sofort ein und ergänzte: „Wir beschimpfen uns aber nicht selbst!“ Das ist nämlich die Folge aus den Abwertungen von außen. Dass wir uns irgendwann selbst abwerten. Das schleicht sich so in unsere Entwicklung ein, dass es uns später gar nicht mehr auffällt, aber daran hindert, mit uns und unserem Leben zufrieden zu sein.

In einem anderen Buch gibt es zum Thema Wut einen lustigen Vorschlag, den ich bis heute nicht verstanden habe. Bevor das Kind die Puppe der Freundin vor Wut kaputtmacht, trinkt es lieber ein Glas Milch. So in etwa lautet der Inhalt. Welcher pädagogische Kniff sich dahinter verbergen soll, ist mir schleierhaft. Ablenkung? Mit Milch? Ich stelle mir vor, jemand klaut sich die Idee und ersetzt die Milch durch eine Minipackung Gummibärchen ...

Nein, ich will keine eigenes Kinderbuch schreiben und es besser machen. Ich bin auch nicht perfekt, weder als Mutter noch als Schreibende oder Erzählende. Ich schaue nur manchmal aufmerksamer hin, weil ich heute als Erwachsene gegen genau solche Dinge ankämpfe – und viele andere mit mir.


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