05.10.2015

Wir alle sind Menschen


„Du hast bisher noch gar nichts über die Flüchtlingsthematik geschrieben.“ Das wurde mir gestern bewusst, als ich den ARD-Talk mit Günther Jauch verfolgte. Ganz ehrlich: Es fällt mir schwer, darüber zu schreiben. Die Bildzeitung bringt heute auf der Titelseite die Zahl 1,5 Mio. erwarteter Flüchtlinge ins Spiel. Per Facebook sehe ich, wie einer meiner „Freunde“ ein NPD-Plakat liked und teilt. Ich lösche ihn sofort.

Das Thema ist hoch emotional.

Vor einigen Jahren half ich meiner Großmutter dabei, ihre Kriegserfahrungen als Kind niederzuschreiben. Ich war selbst junge Mutter und stellte mir vor, wie es wohl meinem eigenen Kind ergehen würde, wenn auf offener Straße neben ihm der Nachbar erschossen werden würde. Wenn es die Leichen im Straßengraben mit ansehen müsste. Wenn es die Schreie der Frauen hören müsste, die in irgendeinem feuchten Keller vergewaltigt werden. Wenn es schimmliges Brot und Pudding essen müsste, der durch Fäkalien verunreinigt ist. Wenn es mit 5 Geschwistern und fremden Leuten, teilweise erkrankt, in einem kleinen Dachzimmer leben müsste.

Ich bin ehrlich: Ich habe keine Vorstellung davon, wie dieses Leben wirklich wäre! Meine Großmutter ist geflohen. Zweimal. Dort, wo sie zuletzt ankam, war sie mit ihrer Familie nicht willkommen. Sie hat sich stets nach ihrer Heimat gesehnt, die sie nie wieder besucht hat. Doch sie schrieb ihre Geschichte auf und blieb damit in Verbindung mit dem, was ein Teil ihres Lebens ausgemacht hat.

Als ihre Erinnerungen in einem Heft erschienen, rief mich eine alte Dame aus Berlin an. Sie bedankte sich bei mir und erzählte mir ihre Geschichte der Flucht. Nur durch Zufall, weil sie schwer erkrankt war, nahmen ihre Eltern einen späteren Treck nach Deutschland. Dadurch hatten alle überlebt. Wären sie mit dem ursprünglich geplanten Treck gezogen, wären sie hingerichtet worden – so wie alle anderen auch.

Mir lief ein Schauer über den Rücken, als ich das hörte.

Heute stehe ich auf der anderen Seite als Bürgerin der Bundesrepublik. Ich entscheide wie viele andere in diesem Land darüber, ob ich die Flüchtlinge willkommen heiße oder nicht.

Mein Wunsch ist, dass wir alle Betroffenen als Menschen sehen können. Menschen mit einer eigenen Geschichte, mit Erfahrungen, Ängsten, Nöten und Bedürfnissen. Das betrifft auch denjenigen, den ich aus meiner Freundesliste gestrichen habe. Sein Verhalten will ich nicht akzeptieren. Doch ich bin bereit, ihn als Mensch zu sehen.

Dabei muss ich unweigerlich an einen Song denken, den die Radio- und Fernsehkanäle im Sommer wieder aus verstaubten Kisten hervorgeholt haben: „Schrei nach Liebe“ von den Ärzten. Das Revival ist der „Aktion Arschloch“ zu verdanken.

Das Leben ist Veränderung. Wir alleine entscheiden, wie wir damit umgehen wollen.


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Hier bloggt simplify-Redakteurin Dunja Herrmann über ihren Alltag, der oft alles andere als einfach ist. Und sie fragt sich und Ihre Leser stets: Geht’s einfacher? Mal findet sie eine Antwort, ein anderes Mal nicht. Der Blog „Ganz einfach Dunja“ kommt mit einem Augenzwinkern daher, nimmt die Leser mit auf Dunjas Weg zur Einfachheit. Übrigens: Hin und wieder genießt die Autorin die Komplexität: „Sie fordert mich einfach“...

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