09.10.2012

Wozu Selbstkritik, wenn's auch ohne geht?


Als Schülerin verfolgte ich früher eine besondere Strategie. Ich war stets gut in der Schule, doch nach Arbeiten zweifelte ich an mir selbst. Ich traute mich nicht daran zu glauben, dass ich gut genug gewesen sein könnte. Darum antwortete ich auf Fragen wie: „Und, wie ist es bei dir gelaufen?“ meistens mit: „Du, ich glaub diesmal war ich nicht so gut.“ So schützte ich mich vor allzu großen Enttäuschungen und meine Mitmenschen ermutigten mich: „Ach du, bist doch bestimmt besser gewesen!“

Wilhelm Busch hat es einmal sehr treffend formuliert:

Die Selbstkritik hat viel für sich. Gesetzt den Fall, ich tadle mich,

So hab’ ich erstens den Gewinn, dass ich so hübsch bescheiden bin;

Zum zweiten denken sich die Leut’, der Mann ist lauter Redlichkeit;

Auch schnapp ich drittens diesen Bissen vorweg den andern Kritiküssen;

Und viertens hoff ich außerdem

Auf Widerspruch, der mir genehm.

So kommt es denn zuletzt heraus,

Dass ich ein ganz famoses Haus.

Nun, viele Jahre später, mache ich wieder Hausaufgaben. Ich gehe zwar nicht in die Schule, aber ich besuche ein Kommunikationsseminar. Und dort lautet unsere aktuelle Hausaufgabe: „Beobachtet mal, wann ihr euch selbst verbal kritisiert. Ob laut oder in Gedanken, ist egal. Versucht, das zu vermeiden! Und wenn ihr euch doch einmal beschimpft, geht freundlich mit euch um.“

Was wir im Seminar dazu veranschaulicht haben, war sehr einprägsam: Wen beschimpfen wir eigentlich, wenn wir uns kritisieren? Wer steht hinter unserem Selbst, das wir so streng tadeln? Ganz oft ist es ein Kind, unser inneres Kind. Dahinter kommen wir sehr schnell, wenn wir uns fragen, woher wir die typischen, selbstkritischen Aussagen kennen. Zum Beispiel: „Jetzt war ich wieder so ungeduldig!“ oder „Mensch, bin ich schusselig!“ oder „Wie konnte ich nur so blöd sein?“ oder „Immer muss ich so dummes Zeug daherreden. Ich kann einfach meinen Mund nicht halten!“

Solch destruktive Selbstkritik schadet uns und beeinträchtigt auch unsere Beziehungen zu anderen Menschen. Wir sind jetzt keine Kinder mehr, darum können wir selbst für uns und unser Wohl sorgen.

Die ersten zwei Tage erledigte ich meine Hausaufgabe ganz gut. Danach standen die selbstkritischen Beschimpfungen nicht mehr so sehr im Fokus. Erst eine Erinnerungsmail der Seminaleiterin stupste mich wieder darauf, meine „Selbstgespräche“ zu beobachten. So sehr ist die unfreundliche Selbstkritik Bestandteil meines Lebens, dass ich sie einfach so zulasse! Unter befreundeten Seminarteilnehmerinnen machen wir uns oft gegenseitig darauf aufmerksam: „Jetzt hast du dich wieder runtergemacht!“ „Aber mein Verhalten war doch auch nicht rühmlich!“ „Ja klar, aber das darf sein.“ „Stimmt. Ich hätte einfach zu mir sagen können: „Ich habe mich eingemischt. Das kann passieren. Beim nächsten Mal versuche ich, mich aus den Angelegenheiten anderer herauszuhalten.“

Sich kritisch mit sich selbst auseinanderzusetzen ist das eine. Es ist wichtig, das zu tun. Dabei auch wertschätzend mit sich umzugehen, ist das andere. Ich erlaube mir das jetzt ganz einfach (- wenn ich’s bemerke)!


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Hier bloggt simplify-Redakteurin Dunja Herrmann über ihren Alltag, der oft alles andere als einfach ist. Und sie fragt sich und Ihre Leser stets: Geht’s einfacher? Mal findet sie eine Antwort, ein anderes Mal nicht. Der Blog „Ganz einfach Dunja“ kommt mit einem Augenzwinkern daher, nimmt die Leser mit auf Dunjas Weg zur Einfachheit. Übrigens: Hin und wieder genießt die Autorin die Komplexität: „Sie fordert mich einfach“...

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