Persönlichkeitsentwicklung

Persönlichkeitsentwicklung: Werden Sie Ihr eigener Freund


Lebenskunst im Umgang mit sich selbst

Lebenskunst: Früher war das eine Sache derer, die sonst schon alles hatten. Heute wird ohne sie das Leben und die Persönlichkeitsentwicklung schwierig. Infrage steht nicht mehr nur, das Leben zu genießen, sondern überhaupt erst leben zu können.Weil viele Vorgaben fürs Leben verloren gingen: Vorgaben der Tradition (wie es früher gemacht wurde), der Konvention (wie es alle machen) und der Religion (wie Gott es befohlen hat). Damit war bis ins Detail geregelt, wie Leben und Zusammenleben aussehen sollten. Nun müssen Sie sich selbst etwas einfallen lassen. Das betrifft in erster Linie Ihren Umgang mit sich selbst. Aber wer hat da Umgang mit wem?

Wer mit wem?

Ein Teil von Ihnen mit einem anderen Teil. Etwa der „Kopf“ mit dem „Bauch“. Innerhalb Ihres Kopfes die verschiedensten eigensinnigen Gedanken. Innerhalb Ihres Bauches die gegensätzlichsten Gefühle. Jeder dieser Teile ist ein Ich für sich. Wenn Sie alle Teile so ins Verhältnis zueinander setzen, dass sie zu einem „Wir“ werden, entsteht Selbstfreundschaft, griechisch philautía. Aristoteles erkannte in seinem Buch Nikomachische Ethik erstmals ihre Bedeutung: Es geht nicht mehr um Identität (Wer bin ich?), sondern um die Integrität der verschiedenen Ichs in Ihrem Selbst (Wer sind wir?).Wie geht das? Wie erreicht man dieses Stadium der Persönlichkeitsentwicklung?

Wohlsein und Unwohlsein

Beginnen Sie beim Umgang mit Ihrem eigenen Körper. Freunden Sie sich an mit seinen angenehmen wie auch unangenehmen Seiten: Wohlsein und Unwohlsein, Lüsten und Schmerzen, Gesundheit und Krankheit. Eine starke Erfahrung von Leben vermittelt Ihnen Ihr Körper nur in dieser Gegensätzlichkeit. Um aufzuleben, braucht er Ihre Aufmerksamkeit und Zuwendung. Daher ist es sinnvoll, sich mit dem eigenen Körper anzufreunden. Danach wenden Sie die so gesammelten Erfahrungen auf Ihre Seele an. (Freunden Sie sich an mit den unterschiedlichsten Gefühlen, den Freuden wie den Ängsten.) Und auf die geistige Ebene, auf der Sie der Bedeutung von Gedanken und Begriffen wie Glück und Sinn für Ihr Leben nachgehen.

Mit den Launen leben

Reservieren Sie jeden Tag ein wenig Zeit für das Wir in Ihnen. Sie lernen Ihre Stärken und Schwächen besser kennen und wollen nicht mehr jede Schwäche überwinden. Im Umgang mit den alltäglichen Launen üben Sie die „Befreundung“ mit sich in Ihrer Persönlichkeitsentwicklung: Momentane „Ichs“, Gedanken, Gefühle, Wünsche, Ängste kommen darin zum Ausdruck, die jeweils Ihr gesamtes Selbst für sich in Anspruch nehmen wollen. Das innere Machtspiel mit einem Machtwort zu beenden schaffen Sie nicht. Geben Sie den Launen den Raum, den sie brauchen, und leben Sie mit ihrem täglichen Wechsel. Bemühen Sie sich darum, gerecht zu sein gegenüber all Ihren Teilen. Tun Sie jedem mal etwas Gutes, im richtigen Maß. Und – lassen Sie sich auch einmal in Ruhe.

Selbstliebe und Liebe zu anderen

Der Weg zu einem gesunden Selbstverhältnis kann den Selbstverlust auffangen, der viele moderne Menschen heimsucht. Und er kann die Selbstsucht mildern, mit der viele andere darauf reagieren. Die Selbstfreundschaft ist steigerungsfähig und kann zur Selbstliebe werden. Dass Sie besser mit sich selbst umgehen können, dient letzten Endes aber dem besseren Umgang mit anderen. Nicht erst aus Gründen der Moral, sondern schon aus Eigeninteresse: Innerlich reich werden Sie nicht durch sich allein, sondern durch die Zuwendung und Zuneigung anderer. Wie sollten die zu erreichen sein, wenn Sie mit Ihrem Selbst anderen nichts zu bieten haben? Arbeiten Sie also nicht an Ihrer „Selbstverwirklichung“, sondern daran, mit Ihrer Persönlichkeitsentwicklung die Kräfte dafür zu gewinnen, für andere da sein zu können.

Eine starke Beziehung zu sich ermöglicht Ihnen starke Beziehungen zu anderen. Der Kern dafür ist jedoch Ihre Sorge für sich selbst, Ihre Selbstfreundschaft und Selbstliebe.Aus guten Gründen heißt es schon im christlichen Liebesgebot: „Liebe deinen Nächsten – wie dich selbst!“ Und eben nicht: anstelle deiner selbst. Weil es vergeblich ist, sich dem Nächsten zuzuwenden, wenn die Selbstliebe nicht die Kräfte dafür zur Verfügung stellt, die verschenkt und verausgabt werden können.Wir sollten uns davon lösen, das für bloßen Egoismus zu halten.

Wilhelm Schmid, Mit sich selbst befreundet sein.Von der Lebenskunst im Umgang mit sich selbst. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2004, 436 Seiten. ISBN 3-518-45882-5. 12,00 €. Schmids Website: www.lebenskunstphilosopie.de


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