Spiritualität

Spiritualität: Brief an den Papst


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Coaching-Schreiben an den Chefmanager der größten Firma der Welt

Bernhard von Clairvaux (1090-1153) war der erste Abt des Zisterzienserklosters Clairvaux-sur-Aube und gründete 68 neue Klöster seines Ordens. Er gilt als Begründer der mittelalterlichen Mystik und war schon zu Lebzeiten hochberühmt als Theologe und Prediger. Einer seiner Mönche wurde unter dem Namen Eugen III. Papst, und als sein ehemaliger Abt blieb Bernhard das, was man heute Coach nennen würde. Hier sein berühmter Brief von Promi zu Promi.

Entzieh dich

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Wo soll ich anfangen? Am besten bei deinen zahlreichen Beschäftigungen, denn deswegen habe ich am meisten Mitleid mit dir. Ich fürchte, dass du - eingekeilt in deine zahlreichen Verpflichtungen - keinen Ausweg mehr siehst und deshalb deine Stirn verhärtest.

Ich fürchte, dass du nach und nach das Gespür für einen durchaus richtigen und heilsamen Schmerz verlierst. Es ist viel klüger, du entziehst dich ab und zu deinen Beschäftigungen, als dass sie dich ziehen und dich nach und nach an einen Punkt führen, an dem du nicht landen willst. Du fragst, welchen Punkt? Den Punkt, an dem das Herz hart wird. Frage nicht weiter, was damit gemeint ist. Wenn du jetzt nicht erschrickst, ist dein Herz bereits verhärtet.

Lass dich beschenken

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Das harte Herz ist allein. Es geht ihm nicht wirklich schlecht. Es ist sich selbst nicht zuwider, weil es sich selbst gar nicht mehr spürt. Aber keiner mit hartem Herzen hat jemals das Heil erlangt - es sei denn, Gott selbst habe sich über ihn erbarmt und ihm (wie der Prophet Hesekiel sagt in 36, 26) "sein Herz aus Stein weggenommen und ihm ein Herz aus Fleisch gegeben".

Ich lobe dich nicht

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Wenn du dein ganzes Leben und Erleben völlig ins Tätigsein verlegst und keinen Raum mehr vorsiehst für die Besinnung und das Nichtstun - soll ich dich dafür loben? Nein, dafür lobe ich dich nicht. Ich denke, niemand wird dich dafür loben, solange er das Wort Salomos kennt: "Wer seine Tätigkeit einschränkt, erlangt Weisheit." (Jesus Sirach 28, 25) Es ist auch für eine Tätigkeit selbst nicht förderlich, wenn ihr keine Besinnung vorausgeht.

Du hast ein Recht auf dich

Wenn du ganz und gar für andere da sein willst (so wie der Apostel Paulus, der allen alles geworden ist), dann lobe ich deine Menschlichkeit. Aber nur, wenn sie voll und echt ist. Wie aber kannst du voll und echt sein, wenn du dich selbst verloren hast? Auch du, eure Heiligkeit, bist ein Mensch. Damit deine Menschlichkeit aber allumfassend sein kann, musst du nicht nur für alle anderen, sondern auch für dich selbst ein aufmerksames Herz haben. Denn was würde es dir nützen, wenn du alle gewinnen, dich selbst aber als einzigen verlieren würdest? Wenn also alle Menschen ein Recht auf dich haben, dann gestehe dieses Recht auch dir selbst zu. Wie lange noch willst du weiterhin ein Geist sein, der auszieht, aber nie wieder heimkehrt? Wie lange noch schenkst du anderen deine Aufmerksamkeit, aber nicht dir selbst?

Nicht immer, aber immer wieder

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Ja, wer mit sich selbst schlecht umgeht, wie kann der gut sein? Denk also daran: Gönne dich dir selbst. Ich sage nicht: Tu das immer. Ich sage nicht: Tu das oft. Aber ich sage: Tu das immer wieder einmal. Sei wie für alle anderen auch für dich selbst da.

Dein Abt Bernhard

Falls Sie in Ihrer Bibel das Buch Jesus Sirach nicht finden, liegt es vermutlich daran, dass Sie eine evangelische Bibelausgabe haben. Sie finden diese so genannten "pseudepigraphischen Schriften" in allen katholischen Bibelausgaben sowie in der "Lutherübersetzung mit Apokryphen".

Autor: Tiki Küstenmacher


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