Aufschieberitis

Motivationssprüche in der "Halbzeitpause"


Lernen Sie von den Fußballtrainern

Was für ein Fußballwunder! Bayer Uerdingen lag im Viertelfinale des Europapokals gegen Dynamo Dresden 1:3 hinten und musste noch das 0:2 aus dem Hinspiel aufholen. Um nicht auszuscheiden, hätten die Gastgeber in der 2. Halbzeit noch 5 Tore schießen müssen. Sie schossen 6.Was hatte Uerdingens Trainer Karl-Heinz Feldkamp nur seinen Spielern in der Pause gesagt? Hatte er einen Wutausbruch? Hielt er eine Standpauke? Nein. Er hatte ruhig gesprochen, seinen Spielern den Druck genommen und die folgenden Regeln beachtet. Das Ganze ist 20 Jahre her, doch in Fußballerkreisen spricht man noch heute darüber. Was ein Trainer mit einer Rede und durch Motivationssprüche in der Kabine schafft, können Sie in einem Team im Beruf, in einem unmotivierten Verein und sogar privat in der Familie auch. Nach der Erklärung, wie Sie selbst Motivationssprüche erstellen, gibts noch ein paar kurze Beispiele aus den Biographien berühmter Menschen, die an sich schon als Motivationssprüche funktionieren!

Nutzen Sie die Halbzeit

Nach der halben Strecke eines Projekts ist der ideale Zeitpunkt, um Bilanz zu ziehen und zu sehen, wo man wirklich steht. Zugleich ist noch genügend Zeit, alles besser zu machen und das Ergebnis zu optimieren. Die Kommunikationswissenschaftlerin Marion Feldkamp (zufällig namensgleich, aber auch selbst Volleyballtrainerin) hat erforscht, warum das so ist. Ihre Tipps für effektive Motivationssprüche:

Das Negative zuerst

Ihre Halbzeit-Rede und Ihre Motivationssprüche sollten – wie jede Ansprache – kurz und klar strukturiert sein. Ein Fußballtrainer hat in der Kabine höchstens 10 Minuten, um seine Mannschaft mit Energie aufzuladen, und das ist genau die richtige Länge. Sprechen Sie zu Beginn an, was alles schief gelaufen ist. Nennen Sie die Fakten. Sie dürfen auch emotional werden, aber schreien Sie nicht.

simplify-Tipp: Wenn Sie stocksauer sind auf Ihre Leute, sprechen Sie besonders leise – das ist viel wirksamer. Beleidigen Sie niemanden, auch wenn seine Leistung noch so bodenlos war.

Das Konstruktive am Schluss

Springen Sie nicht hin und her zwischen Kritik und Verbesserungsvorschlägen. Die kommen am Ende. Ihre wichtigste Aufgabe und Gabe als Trainer ist Ihr Optimismus. Geben Sie Ihren Leuten das 100%ige Gefühl, dass Sie hinter ihnen stehen. Auch wenn es keiner auf der Erde mehr tut: Sie müssen an Ihr Team glauben.

simplify-Tipp: Beschwören Sie das Wunder von Bern, von Uerdingen oder (noch besser) ein Wunder aus der eigenen Firmengeschichte nach der Melodie: Was damals ging, geht heute auch noch! Setzen Sie sich als oberstes Ziel: Ihre Mannschaft muss strahlend, fröhlich und vor Energie berstend aus dem Sitzungssaal herausgehen.

Einzelseelsorge

Auch bei nur 10 Minuten sollten Sie sich Zeit nehmen, einzelnen Mitarbeitern individuelle und klare Handlungsanweisungen zu geben. Das ist wirksamer, als die Mannschaft nur pauschal anzusprechen. Tun Sie das im Plenum und sprechen Sie so fair, dass keiner vor den anderen einen roten Kopf bekommen muss.

simplify-Tipp: Rufen Sie unmittelbar nach dem Ende des Meetings notorische Miesmacher direkt zu sich. Nehmen Sie ihnen das Versprechen ab, am gleichen Strang zu ziehen. Behalten Sie die Stimmung Ihres Teams im Auge, aber bitte ohne Bespitzelung.

Und wenn alles nichts hilft?

Ihre Reputation als Trainer, Chef oder Abteilungsleiter entscheidet sich nach Niederlagen. Wenn Sie dann vor die Öffentlichkeit oder den Oberboss treten und die Schuld am Scheitern Einzelnen Ihrer Leute geben, haben Sie Ihre Aufgabe verfehlt. Nehmen Sie die Schuld auf sich, bleiben Sie aber dabei (auch in Ihrer Körperhaltung) aufrecht. Verdeutlichen Sie mit Worten und Körpersprache: Wir haben alles gegeben, wir haben unser Ziel nicht erreicht, so ist das im Sport (und im Berufsleben), wir bleiben aber kampfeslustig.

simplify-Tipp: Loben Sie Ihre Leute gerade dann, wenn sie am Boden zerstört und enttäuscht sind. Trösten Sie sich, Ihre Mitarbeiter und Ihre Kunden mit der klugen Weisheit von Sepp Herberger: „Nach dem Spiel ist vor dem Spiel.“ Analysieren Sie die Fehler, entwickeln Sie gemeinsam eine neue Strategie – aber dann wird nach vorne gedacht und vorwärts gespielt!

Motivationssprüche

Bauen Sie mit Beispielen von scheinbaren Versagern Teammitglieder auf, die einen Fehler gemacht haben:

Im Alter von 32 Jahren machte Daniel Defoe Bankrott. Als 59-Jähriger wurde er mit dem Roman „Robinson Crusoe“ über Nacht weltberühmt.

Über den Maler Caspar David Friedrich schrieb Goethe: „Er malt so schlecht, dass es keinen Unterschied macht, hängt man seine Bilder verkehrt herum auf.“ Heute gilt Friedrich als bedeutendster deutscher Künstler der Romantik.

1902 gab ein arbeitsloser Physiklehrer im Berner Stadtanzeiger unter der Rubrik „Vermischtes“ eine Annonce auf und bot Privatstunden an, „Probestunden gratis“. 1921 war Albert Einstein Nobelpreisträger.

Wilhelm Conrad Röntgen zeichnete – statt zu lernen – lieber seine Lehrer. Wegen einer Karikatur verwies man ihn sogar von der Schule. Auch ohne Abitur durfte er später studieren, wurde Physikprofessor und erhielt den Nobelpreis.

Geschichten aus: Ralf Höller, 50 Mal Rhetorik. Orell-Füssli 2006. ISBN 3-2800-5163-0. 24,00 €

 


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