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Wenn Eltern alt werden


Suchen Sie das Gespräch mit Ihren Eltern – es lohnt sich!

„Ich schaffe es einfach nicht, mit meinen Eltern richtig ins Gespräch zu kommen“, schrieb uns eine Leserin. So wie ihr geht es vielen erwachsenen Kindern. Wir haben die Dipl.- Sozialgerontologin Monika Berry von der AWO-Beratungsstelle für pflegende Angehörige und ältere Menschen in München um Tipps gebeten.

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Klären Sie Ihre Motive

Sie möchten Ihre Eltern (Ihre Mutter, Ihren Vater) davon überzeugen, dass es an der Zeit ist für eine kleinere oder größere Veränderung? Dass sie nicht mehr auf einer wackligen Leiter Fenster putzen, sich einen Hausnotruf zulegen, Ihnen eine Kontovollmacht geben, Essen auf Rädern bestellen, in ein Seniorenheim gehen oder doch lieber häusliche Pflege akzeptieren sollten? Die Grundvoraussetzung für ein gelingendes Gespräch, wenn Ihre Eltern alt werden: Seien Sie ehrlich mit sich selbst – warum wollen Sie das?

simplify-Tipp: Listen Sie ohne schlechtes Gewissen Ihre Motive auf. Ihre Sorgen um das Wohlergehen Ihrer Eltern wenn diese alt werden, etwa um deren Sicherheit oder deren Ernährung. Aber auch Ängste, die Sie für Ihr eigenes Leben haben. Beispielsweise davor, dass Sie eines Tages jedes Wochenende quer durch die Republik düsen müssen, um nach dem Rechten zu sehen. Oder davor, dass Ihre Eltern erwarten könnten, von Ihnen gepflegt zu werden, Sie sich das aber nicht zutrauen. Oder davor, dass es Sie teuer kommt, wenn Ihre Eltern in ein Seniorenheim gehen (§ 1601 BGB: „Verwandte in gerader Linie sind verpflichtet, einander Unterhalt zu gewähren.“ Voraussetzung für Ansprüche auf Elternunterhalt sind Bedürftigkeit auf der einen und Leistungsfähigkeit auf der anderen Seite).

Der beste Gesprächseinstieg: Ihre Sorge

„Ich merke, dass du das alles nicht mehr schaffst.“ – „Bei deinen schlechten Augen solltest du nicht mehr Auto fahren.“ Wer seine Eltern auf diese Weise anspricht und sie unbarmherzig mit ihren Verlustängsten konfrontiert, muss sich nicht wundern, wenn sie sich kritisiert oder gar bloßgestellt fühlen und auf Abwehr schalten. Die meisten älteren Menschen wissen um ihre Schwächen! Das gilt auch für Alzheimer-Kranke: Wer betroffen ist, merkt den Gedächtnisverlust in der Regel als Erster.

simplify-Tipp: Setzen Sie nicht bei den Defiziten Ihrer Eltern an, sondern bei Ihrer eigenen Sorge: „Ich werde unruhig, wenn ich daran denke, wie oft du die steile Treppe gehen musst.“

simplify-Tipp: Häufig senden alte Menschen Signale aus, dass sie über ihre Probleme sprechen möchten, z. B.: Der Vater jammert seit Neuestem über seine Müdigkeit, oder die Mutter beklagt sich, dass man so selten komme. Fangen Sie diese Signale auf!

simplify-Tipp: Intensivieren Sie den persönlichen und telefonischen Kontakt. Dadurch werden Ihre Eltern mehr über sich sprechen. Hören Sie zu.

Veränderungen anstoßen

Überfahren Sie Ihre Eltern nicht mit einer fertigen Problemlösung, aber informieren Sie sich vorher über verschiedene Lösungsmöglichkeiten. Je mehr Sie selbst wissen und je überzeugter Sie von Ihren Vorschlägen sind, umso überzeugender werden Sie sein. Informationen bieten die Kommunen, aber auch Wohlfahrtsverbände (AWO, Caritas, Innere Mission etc.) und das Internet; gute Infos finden Sie dort etwa auf den Plattformen der Bundes- und Landesministerien. Sie stoßen trotzdem auf taube Ohren?

simplify-Tipp: Es ist nicht leicht für Ihre Eltern, emotional mit den unschönen Seiten des Älterwerdens zurechtzukommen. Haben Sie also Geduld, und sprechen Sie das Thema nicht nur 1-mal an. Wenn Sie Geschwister haben: Sprechen Sie unbedingt mit einer Zunge.

simplify-Tipp: Oft kann ein fachkundiger und neutraler Berater von außen mehr erreichen. Vereinbaren Sie für Sie beide einen Beratungstermin, beispielsweise bei einem Wohlfahrtsverband.

Ihre Eltern sind erwachsen ...

Behandeln Sie Ihre Eltern, wenn Sie alt werden nicht wie unmündige Kinder, über die Sie bestimmen bzw. denen Sie sagen müssen, „wo’s lang geht“. Akzeptieren Sie das Recht Ihrer Eltern auf Selbstbestimmung, auch wenn Sie manche Entscheidung anders treffen würden.

simplify-Tipp: Unterscheiden Sie zwischen sicherheitsrelevanten Veränderungen und Veränderungen, die Sie für sinnvoll bzw. praktisch halten. Beispiele: Ernährt sich Ihr Vater so schlecht, dass seine Gesundheit dadurch massiv beeinträchtigt wird, dürfen Sie das „Essen auf Rädern“ auch dann probehalber für ihn bestellen, wenn er das „unnötig“ findet. Haben Sie den Verdacht, dass Ihre Mutter an Alzheimer erkrankt ist, dann überreden Sie sie unbedingt zu einem Arztbesuch: Je früher die Diagnose gestellt wird, desto besser lässt sich die Krankheit aufhalten. Will Ihre Mutter dagegen nicht zu Seniorenveranstaltungen in der Pfarrei, dann zerren Sie sie nicht dorthin, obwohl Sie meinen, dass mehr Gesellschaft ihr gut tun würde.

... und Sie auch!

Hilfsbedürftige Eltern haben, so Monika Berry, oft ähnlich viel Kontrolle über ihre erwachsenen Kinder wie früher über ihre unmündigen Kinder. Z. B. erteilen sie Aufträge und erwarten deren prompte Erfüllung.

simplify-Tipp: Rutschen Sie nicht wieder in die Kindrolle hinein. Auch Sie haben ein Recht auf Ihr Leben. Fahren Sie z. B. nicht panisch durch die ganze Stadt, weil Ihre Mutter seit 3 Stunden nicht ans Telefon geht. Vereinbaren Sie mit den Nachbarn Ihrer Mutter, dass diese 2-mal am Tag bei ihr klingeln und Ihnen Bescheid geben, wenn etwas nicht stimmt. 

Autorin: Dr. Ruth Drost-Hüttl