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Die Spiritualität des Putzens


Über 20 Jahre lang arbeitete Linda Thomas, geboren in Südafrika, als Putzhilfe. Sie gründete eine der ersten ökologischen Putzfirmen in der Schweiz und war jahrelang verantwortlich für die Reinigung des Goetheanums, des internationalen Zentrums der anthroposophischen Bewegung. Heute ist sie Hauswirtschaftsleiterin einer Klinik, bietet Kurse an und hat mehrere Bücher veröffentlicht.

Reinigung: außen und innen

Die Klosterregel des hl. Benedikt sieht für alle Mönche Putz- und Küchendienste vor. In einem Zen-Kloster bekommt jeder Neuankömmling Eimer und Wischlappen. Menschen, die in geistlicher Versenkung leben, wissen, dass äußere Umgebung und Innenleben zusammenhängen.

simplify-Rat: „Putzen heißt, sich zu verbinden mit der Materie“, so Linda Thomas. „Geht man auf die Knie, um mit Bürste und WC-Reiniger eine Toilette zu säubern, erlebt man die Welt anders.“ Putzen kann Sie verwandeln. Wenn Sie eine Toilette sorgfältig (und vielleicht sogar liebevoll) reinigen, werden Sie den Vorgang, der Sie zunächst abstößt, bald als etwas Natürliches empfinden. Wer bewusst und mit Hingabe putzt, lernt das Dienen.

„Ich tu’s!“

Wenn sie herumliegenden Abfall oder eine verschmutzte Toilette sehen, sind viele von der Rücksichtslosigkeit ihrer Mitmenschen genervt – und gehen im Gefühl der eigenen moralischen Überlegenheit vorüber („Das würde ich nie machen!“). Linda Thomas rät: Entwickeln Sie eine Gegenbewegung zur normalen Achtlosigkeit. Ergreifen Sie die Initiative, auch wenn es „nicht Ihre Aufgabe ist“.

simplify-Rat: Sehen Sie in einer Raststätte, einem Park oder einem Schulhaus etwas auf dem Boden liegen, heben Sie es auf. Sammeln Sie in einer öffentlichen Toilette weggeworfene Papiere auf, wischen Sie mit Ihrem Papierhandtuch rund um den Wasserhahn. Flüchten Sie nicht still angesichts von Verschmutzungen, sondern werden Sie aktiv. Machen Sie mit einer kleinen Aktion einen unschönen Ort schöner – eine befriedigende Erfahrung.

Sich für die Dinge öffnen

Wenn Menschen putzen, haben sie häufig ablehnende Gedanken: „Ich hasse diesen Job!“

simplify-Rat: Sprechen Sie beim Reinigen nicht mit sich, sondern mit den Dingen – mit den Ablageflächen, die sich freuen, wieder frei und sauber zu sein; mit der Toilettenschüssel und ihrer ausgetüftelten Technik, übel riechende Substanzen elegant zu entsorgen; mit den Fensterscheiben, die Licht und Aussicht herein-, dabei aber die Wärme im Raum lassen (davon konnten die Menschen vor 500 Jahren nur träumen). Wenn Sie ein gutes Verhältnis zu den Dingen entwickeln, werden Ihnen dabei gute Gedanken und kreative Ideen kommen. Linda Thomas selbst etwa hat herausgefunden, dass sie die besten Einfälle beim Wischen großer Bodenflächen hat.

Finden Sie Ihren Ansatzpunkt

Auch Menschen, die Hausarbeiten eigentlich nicht mögen, finden irgendeinen kleinen Aspekt davon sympathisch – und wenn es nur der Duft der Möbelpolitur ist oder die Sonne, die sie beim Wäscheaufhängen im Garten tanken.

simplify-Rat: Vertrauen Sie darauf, dass sich Ihre guten Empfindungen bei diesem Detail auf andere Bereiche ausdehnen können. Und nicht nur das: Sie können damit auch andere anstecken! Linda Thomas berichtet: Bei Frauen, die erstmals mit Freude Reinigungsarbeiten durchführten, halfen plötzlich Ehemann und Kinder mit. Solange sie über den Haushalt nur gestöhnt hatten, war er auch für die restlichen Familienmitglieder ein Schreckensort gewesen.

Vom Putzen zum Pflegen

Putzen bedeutet, Dreck zu entfernen. Das Resultat hält – leider – oft nicht sehr lange.

simplify-Rat: Gelingt es Ihnen, die Arbeit mit Liebe und Hingabe zu tun und jedes Eckchen mit den Fingerspitzen zu durchdringen, verwandelt sich das Putzen in Pflegen. Dabei werden Sie, davon ist Linda Thomas überzeugt, die Wohnung als lebenden Organismus erleben: „Was lebendig ist, gedeiht durch Pflege. Es kann mit Ihnen und anderen kommunizieren.“

Schaffen Sie Verbindung

Linda Thomas liebt die Legende von einem Mönch, der beim Putzen unentwegt betete. Beim Bodenwischen etwa sprach er: „Lieber Gott, schick mir hierher einen Engel, damit alle Menschen, die diesen Boden betreten, berührt werden von deiner Gegenwart.“

simplify-Rat: Verbinden Sie sich während des Putzens mit denen, die sich in dem Raum aufhalten werden. Schicken Sie ihnen einen guten Gedanken, oder – wenn Sie religiös sind – beten Sie für sie: dass sich Ihrem Sohn, in dessen Zimmer Sie die Fenster putzen, bei seinem Schü- leraustausch neue Perspektiven eröffnen; dass sich die sorgenbelasteten Freunde, die Sie fürs Wochenende eingeladen haben, in Ihrem Wohnzimmer entspannen; dass jeder, der an Ihrer Haustür vorbeikommt, in seinem Leben genügend offene Türen findet.

 

Autorin: Ruth Drost-Hüttl