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"Ich war ja in der Schule!"


Wie es das Wochenende so wollte, traf ich tatsächlich auf eine Person, wie ich sie am Freitag noch in „Menschen wie ein rotes Tuch“ beschrieben hatte: Sie brachte mich zwar nicht zum Kochen, wohl aber leicht zum Brodeln. Übrigens nicht nur mich – da hatten wir also wieder das Phänomen, dass eine Person gleich mehrere in emotionale Stimmungen bringt.

Ich erzähle einfach mal der Reihe nach: Zum ersten Mal traf ich auf Alwin, als ich die Küche meiner Partygastgeberin betrat. Draußen regnete es, ich kam durch die Hintertür und schüttelte mich kurz. Er stand am Herd, bewachte den Kochtopf und schaute mich auffordernd an. Ich grüßte, und wir stellten uns kurz mit Namen vor. Alwin schätze ich auf Mitte 50 bis 60 Jahre.

Er: „Es ist ganz schön windig draußen, nicht wahr?“ Ich: „Ja! Auf dem Weg hierher über die Autobahn hatte ich teilweise Mühe, das Lenkrad festzuhalten!“ Er: „Ich war ja gar nicht unterwegs. Ich war ja in der Schule!“ Es fügte sich eine Gesprächspause an. Ich hätte wohl nachfragen sollen, auf welche Schule er geht. Das tat ich aber nicht. Wir unterhielten uns weiter über das Wetter. Es fielen Sätze wie: „Wenn es so regnet, braucht man eben richtige Kleidung! Sonst braucht man sich nicht zu beschweren!“ Dann kam es wieder: „Ich habe vom Wetter ja nichts mitbekommen. Ich war ja in der Schule heute! “ Auch darauf sprang ich nicht an, das war mir zu offensichtlich. Ich gesellte mich lieber zu den anderen Partygästen.

Irgendwann landete ich aber wieder in der Küche, und Alwin war dabei, eine Bratpfanne aufzutreiben. Er zur Gastgeberin: „Gib mir mal eine Pfanne!“ Sie geht zum Schrank und reicht ihm eine daraus. Er zu allen Mithörenden: „Das ist doch keine Pfanne! Wenn du das nächste Mal zum Müll läufst, nimmst du die gerade mit!“ Sie hatte leider nicht zugehört. Er erneut: „Schau mal, darin kannst du doch nichts anbraten! Die schmeißt du jetzt mal weg!“ Sie: „Nee, das mache ich sicher nicht!“ Vielsagende Blicke trafen mich, die ich gegenüber stand.

Zig Minuten später, Alwin hatte sich von der Kochstelle loseisen können, begegneten wir uns draußen wieder. Außer Alwin und mir stand noch ein weiterer Gast am Tisch. Dieser sagte etwas, und Alwin meinte dazu – nur minimalst im Zusammenhang bleibend: „Dazu hatte ich ja heute keine Zeit. Ich war ja in der Schule!“ Da war es. Schon wieder. Und prompt fragte der nette andere Herr am Tisch: „Ach ja? Auf welcher Schule denn?“ Alwin: „Ich mache doch gerade meine vierte Meisterschule!“ Das war’s auch schon. Mehr Erläuterung bedurfte es nicht. Alwin war offenbar zufrieden mit dem Ausgang dieses Smalltalks.

Als ich mir kurz darauf ein Wasser einschenken wollte, übernahm Alwin das. Ich bedankte mich. Er: „Also dafür will ich kein Dankeschön hören! Das ist doch selbstverständlich!“ Okay. „Lässt du mich bitte mal durch? Danke!“ Ich ergriff die Flucht, aber nicht ohne mich zu fragen, ob dieses letzte „Danke“ nun erwünscht war oder nicht ...

Eine Stunde später, wieder in der Küche. Wir Freundinnen unterhielten uns darüber, dass wir irgendwie alle gesundheitlich angeschlagen sind. „Also ich verstehe euch nicht“, fuhr Alwin herum. „Wer immer an der frischen Luft ist und die richtige Kleidung anhat, wird nicht krank!“ Wir warfen uns wieder vielsagende Blicke zu, in mir brodelte es nun, schließlich meinte er ja auch mich damit. „Wenn man Kinder hat, kriegt man eben schneller etwas ab“, konterte ich. „Dann hast du eben ein schlechtes Immunsystem!“, schoss es wie aus der Pistole. „So ein Quatsch! Früher war ich auch nie krank“, ließ ich mich auf diese Diskussion ein. Offenbar hatte Alwin es geschafft, einen wunden Punkt bei mir zu treffen. Zum Glück blieb’s beim Brodeln, und ich kam nicht zum Kochen.

Dennoch: Gelungene Kommunikation sieht anders aus! Ich stelle fest, dass ich nicht immer nur auf mich schauen kann, wenn so etwas misslingt. Ich darf auch ein Auge auf die andere Seite werfen. Alwin ist ein gutes Beispiel dafür, dass wir manchmal – ob gezielt oder unbewusst – die persönliche Grenzlinie unseres Gegenübers überschreiten. Wir begeben uns in seinen oder ihren Verantwortungsbereich und versuchen dort mitzureden. Das ist jedoch nicht unsere Aufgabe. Emotionale Reaktionen unseres Gegenübers sind also keine Überraschung.

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