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Lehrstück: Ein Anhalter auf der Walz


An einem Wochenende in diesem Frühjahr nahm ich einen jungen Mann per Anhalter mit. Zum einen habe ich festgestellt, dass es sehr interessant ist, mit jungen Menschen ins Gespräch zu kommen. Zum anderen war es diesmal mein erster Handwerkergeselle auf der Walz, dem ich das Mitfahren anbot.

Bisher hatte ich mich mit der Walz noch nie beschäftigt. Ich wusste in etwa einzuordnen, worum es geht. Doch Details blieben mir verborgen. So war ich schwer beeindruckt, als „mein“ Zimmermannsgeselle erzählte, er dürfe weder verheiratet sein noch Kinder oder Schulden haben. „Die wollen nicht, dass man sich vor der Verantwortung drückt“, erklärte er mir. Überrascht war ich außerdem, dass noch viel mehr Handwerksberufe wandern als der Klassiker Zimmermann. Und dass es sogar überraschend viele Frauen auf der Wanderschaft gibt.

Wer auf der Walz ist, reist überwiegend per Anhalter oder zu Fuß. Um den Heimatort gibt es einen 50km-Bannkreis, der nicht überschritten werden darf. „Und wo übernachtest du?“, wollte ich wissen. „Bei einem Meister. Oft gibt es da noch irgendwo Platz in der Scheune“, bekam ich zur Antwort. Das sind schwere Bedingungen für die heutige Zeit. „Handy darf ich auch keins haben“, sagte mein Mitfahrer. „Oh, das ist aber mal etwas Angenehmes!“, fand ich und romantisierte innerlich das Abgeschnittensein von der Technik-Welt.

Es ist also ein sehr einfaches Leben, das die Gesellen mindestens 3 Jahre und einen Tag führen. Dafür sammeln Sie jede Menge Lebens- und Berufserfahrung. „Mein“ Geselle hat noch cirka 1 Jahr vor sich und weiß danach genau, wohin er will und was er will. Ich drücke ihm die Daumen, dass es klappt!

Während unserer Fahrt durch Karlsruhe machte ich ihn auf einige städtebauliche Besonderheiten aufmerksam, schließlich feiern wir in diesem Jahr den 300. Geburtstag der noch jungen Stadt. Dann setzte ich ihn ab, er nahm sein Bündel und seinen Wanderstab und zog weiter in die Pfalz. Zu meiner Tochter sagte ich: „Das merke dir gut: Das war ein Zimmermann auf der Walz!“ Ich hoffe, dass ihr dieser Kontakt mit unserem immateriellen UNESCO-Kulturerbe gut in Erinnerung bleibt!