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Nett kritisieren, geht das denn?


Es gibt Menschen, die üben Kritik, ohne mit der Wimper zu zucken. Bei manchen kann diese hart und sogar abwertend sein, bei anderen ist sie diplomatisch. Andere wiederum ärgern sich über einen Zustand, wissen aber nicht, wie sie es dem anderen mitteilen sollen. Sie scheuen die Konfrontation und benachteiligen sich damit oft selbst.

Was mich betrifft, so war ich bisher eher der zweiten Kategorie zuzuordnen: Ich habe sehr oft meinen Mund gehalten, selbst wenn ich im Recht gewesen wäre. Ich habe dann die Dinge so genommen, wie sie sich mir gezeigt haben. Das verursachte zum Glück meistens keinen ausgeprägten Frust, jedenfalls nicht bei mir. Nun übe ich mich aber seit Jahren in gewaltfreier bzw. wertschätzender Kommunikation. Und so langsam werde ich sicherer darin, mich auszudrücken – selbst wenn es um negative Kritik geht.

Diese Aufgabe fiel mir vor kurzem zu, weil einer unserer Handwerker die Baustelle nicht so verlassen hat, wie er sie vorfand. Ich musste mit ihm reden, denn wir hatten gerade die Außenanlagen frisch angelegt. Ich hätte mit erhobenem Zeigefinger sagen können: „Herr Sowieso, so geht das aber nicht! Hier liegt ja der ganze Abfall noch herum! Das müssen sie gleich wegmachen!“ Vermutlich hätte er dann eine Verteidigungshaltung eingenommen oder soger die Angriffstellung bezogen. Die kleinlaute Alternative, die früher eher meine Art gewesen wäre: „Oh, Herr Sowieso, da liegt aber noch viel Dreck herum!“ Wenn Herr Sowieso ein netter Mensch ist, räumt er seinen Dreck freiwillig weg. Wenn nicht, wird er meine Aussage ignorieren und seines Weges gehen. Also war für mich offensichtlich: Eine klare Bitte bzw. Handlungsanweisung muss her, ohne erhobenen Zeigefinger.

Der Handwerker kam ein 2. Mal, ich fing ihn ab und sagte: „Guten Morgen! Ich habe gesehen, dass dort noch lauter Dreck liegt, wo sie gestern gearbeitet haben. Wir haben hier alles frisch angelegt. Deshalb möchte ich, dass Sie das beseitigen. Haben Sie einen Vorschlag für die Stelle hier, die ganz beschädigt ist?“ Das hatte er, außerdem versicherte er mir, den Ursprungszustand wiederherzustellen. Dabei blieb er ganz ruhig, fühlte sich nicht angegriffen. Ich konnte freundlich, aber bestimmt bleiben und bin mit dem Ergebnis rundherum zufrieden. Manchmal braucht es eben nur ein bisschen Mut, um für sich und seine Sache einzustehen ...