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Schwarzsehen unerwünscht - doch was tun?


Eine ehemalige Nachbarin machte sich stets um alle Menschen in ihrem Umfeld Sorgen: Da sei doch neulich ein Flugzeug abgestürzt, und jetzt will ihre Tochter in Urlaub fliegen! Bei einem Kindergartenausflug sei ein Kind von einem Felsbrocken erschlagen worden, und jetzt soll ihr Enkel in den Kindergarten! In der großen Stadt sei eine Straßenbahn in die Passanten gefahren, und ihr Sohn wohnt genau dort! Irgendwann stellte ich fest, warum sie stets so besorgt war: Sie schaute sich im Vorabendprogramm die Sendungen an, in denen über die schlimmsten Verkehrsunfälle des Tages berichtet wird. Als ich das einmal tat, wurde mir selbst ganz bang.

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Vor drei Tagen passierte unweit meines Wohnortes ein schwerer Unfall, und Alexa berichtete mir davon. Wir hielten beide die Luft an und wussten insgeheim: „Wir haben es nicht in der Hand. Es könnte uns jederzeit auch passieren.“ Eine Frau war bei Rot mit überhöhter Geschwindigkeit über die Ampel gefahren, verursachte einen Zusammenstoß. Dadurch wurde ihr Wagen in eine Straßenbahnhaltestelle geschleudert, es gab zwei Tote und mehrere teils schwer Verletzte. Prompt wusste ich auch eine solche Geschichte zu erzählen, die ich neulich gehört hatte. Und beide waren wir betroffen.

Wenn ich dann noch dazuzähle, was ich in meinem Online-TV-Magazin alleine an Begriffen lese, die in Politsendungen oder Talk-Shows zur Sprache kommen: Altersarmut, Anti-Islam-Film, ESM, bewaffnete Drohnen, Organspende-Skandal, Strom-Blackout, Renten-Lücke, NSU-Ermittlungspanne, Terrorgefahr, tödlicher Alkohol, Staatspleite, Müllberge und so weiter und so fort. Muss ich mich damit auseinandersetzen?

Tag für Tag werden Sie von den Medien mit „kalten“ Informationen gefüttert. So werden wir systematisch auf negative Schlagzeilen getrimmt und zu Schwarzsehern ‚ausgebildet’, schrieb Tiki Küstenmacher einmal dazu in „Die Schutzhüllen der Dankbarkeit“. Und weiter: Weniger Medien machen glücklich: Der Psychologe Jeff Davidson fand in einer Studie heraus, dass schon der bloße Verzicht auf den Konsum von TV-Nachrichten Menschen froher und glücklicher macht: „Die Nachrichten senden geballtes Unglück, an dem der Einzelne nichts ändern kann. Mit jeder Nachrichtensendung wächst im Zuschauer das Gefühl, in einer feindlichen Welt zu leben. Dieses Gefühl kann man sich ersparen und glücklicher werden.“ Das bestätigt auch die Osnabrücker Tiefenpsychologin Elisabeth Mardorf: „Die Realität erweist sich immer als freundlicher als unsere Befürchtungen“.

Nun, die Dinge passieren und jemand muss und wird sich darum kümmern. Das ist die eine Seite. Wenn ich wegschaue und nicht hinhöre, bin ich möglicherweise glücklicher, aber auch uninformiert und – ja – ich schaue weg! Wo soll das hinführen, wenn alle den schlimmen Dingen nur noch den Rücken kehren?

Es ist, wie so oft: Ich habe keine Antwort darauf, wie dieses Dilemma am besten zu lösen ist. Ich persönlich brauche meine Energie dafür, im Kleinen einen positiven Beitrag in dieser Welt zu leisten. Bei jeder Negativ-Schlagzeile oder reißerischen Negativ-Meldung sinkt die Tanknadel. Und doch will ich dran- und drinbleiben in dieser Welt, aber bitteschön in der authentischen, nicht in der konstruierten oder aufgebauschten Wirklichkeit. Doch was ist echt? Wie kann ich wissen, wenn ich hier in Süddeutschland sitze, was am anderen Ende der Welt echt ist? Ich kann mir nur ein Urteil über das erlauben, was ich selbst erlebe – und selbst das ist niemals objektiv.

Wohin führt es (mich) also, wenn ich die Nachrichten abschalte? Welchen alternativen Weg gibt es, um trotzdem hinschauen zu können?