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Der Fluch der guten Tat


Gute Menschen sind immer auch hilfsbereit. Aber nicht jede Hilfe ist eine gute Hilfe. Woran Sie falsche Hilfe erkennen – und wie Sie sie vermeiden:

Wie viel ist zu viel?

Alarmzeichen: Ihre Beziehung leidet unter der Hilfe, die Sie dem anderen zukommen lassen. Beispiel: Seit Sie jeden Tag nach Ihrem gebrechlich gewordenen Schwiegervater sehen, knirscht es zwischen Ihnen beiden.

simplify-Tipp: Stellen Sie die Situation auf den Prüfstand: Was hat sich durch Ihre Hilfe in Ihrer Beziehung verändert? Im Beispiel etwa: Sie fühlen sich zeitlich eingeengt und sind genervt vom Starrsinn Ihres Schwiegervaters, wenn Sie ihm bei seinen täglichen Verrichtungen helfen. Aber möglicherweise auch: Ihr Schwiegervater hat das Gefühl, keine Privatsphä- re mehr zu haben. Dosieren und gestalten Sie Ihre Hilfe so, dass beide Seiten nicht nur praktisch, sondern auch emotional gut damit klarkommen. Fast immer sinnvoll: 1. Entlasten Sie sich selbst, indem Sie den Kreis der Helfer erweitern – bei Bedarf auch durch Profis. 2. Erbitten Sie zumindest eine kleine Gegenleistung, damit aus einer einseitigen Abhängigkeit wieder ein Geben-und-Nehmen-Verhältnis wird.

Niemals sich selbst kompromittieren

Alarmzeichen: Um jemandem aus der Patsche zu helfen, schwindeln Sie für ihn und riskieren damit auch Ihre eigene Glaubwürdigkeit. Beispiel: Weil Sie Ihre Kollegin gegenüber dem Chef nicht in Schwierigkeiten bringen wollen, erfinden Sie immer wieder neue plausible Gründe dafür, warum Frau Müller gerade nicht am Platz ist.

simplify-Tipp: Helfen Sie dem anderen, sein Problem dauerhaft zu lösen. Ihre Kollegin hat öfter ein krankes Kind daheim, nach dem sie untertags sehen muss? Bieten Sie ihr an, gemeinsam mit dem Chef eine flexiblere Mittagspausenregelung auszuhandeln. Ihre Kollegin trinkt heimlich? Wenn Sie sie nicht mehr decken, wird sie eher gezwungen sein, sich mit ihrer Alkoholsucht auseinanderzusetzen. Wollen Sie eine geforderte Notlüge ablehnen, ohne als Moralapostel dazustehen, dann machen Sie klar, dass Sie ein „schlechter Lügner“ sind: „Wenn ich das dem Chef zu erzählen versuche, merkt der schon 100 Meter gegen den Wind, dass etwas nicht stimmt.“

Kleiner Finger – ganze Hand

Alarmzeichen: Die erbetene „kleine Hilfe“ entpuppt sich als ziemlich aufwendig. Beispiel: Ihr Kollege hat Sie darum gebeten, „schnell mal einen Blick“ auf seinen Bericht für den Chef zu werfen. Doch als er Ihnen die Datei mailt, erkennen Sie, dass der Text noch einer gründlichen Überarbeitung bedarf.

simplify-Tipp: Fühlen Sie sich nicht verpflichtet, mehr zu leisten, als Sie zugesagt haben. Im Beispiel: Überfliegen Sie den Text, und geben Sie dann ein paar Hinweise, worauf Ihr Kollege bei der Überarbeitung achten sollte. Vermitteln Sie dem anderen dabei aber nicht, er sei mit seiner Bitte unverschämt gewesen. Gehen Sie vielmehr wohlwollend davon aus, dass er lediglich falsch eingeschätzt hat, wie stark sein Ansinnen Sie belasten würde: „Ich hoffe, dir ist mit diesen schnellen Hinweisen geholfen. Mehr ist bei meinem vollen Schreibtisch leider nicht drin.“

Helfen Sie aus der Hilflosigkeit

Alarmzeichen: Der Empfänger Ihrer Hilfe verlässt sich dauerhaft auf Sie. Beispiel: Jedes Mal, wenn Ihre Nachbarin mit ihrem Computer nicht zurechtkommt, klingelt sie bei Ihnen.

simplify-Tipp: „Hilf mir, es selbst zu tun“ heißt ein Grundsatz der Montessori-Pädagogik, der nicht nur im Umgang mit Kindern seine Berechtigung hat. Setzen Sie es sich zum Ziel Ihrer Hilfe, dass diese beim nächsten Mal weniger (oder gar nicht mehr) benötigt wird. Bestehen Sie darauf, dass der andere Ihnen zusieht, während Sie sich ans Werk machen, und zeigen Sie ihm, was Sie tun. Oder – noch besser: Lassen Sie es ihn selbst unter Ihrer Anleitung tun. Im Beispiel: Erklären Sie Ihrer Nachbarin, wie sie die verschwundene Browser-Leiste wiederherstellt. Bitten Sie Ihre Nachbarin, sich die einzelnen Schritte zu notieren – „dann bekommst du es das nächste Mal sicher gut alleine hin.“

Hart bleiben – oder großzügig werden

Alarmzeichen: Ihre Hilfe wird offensichtlich missbraucht. Beispiel: Sie strecken Ihrer geldknappen Schwester das Geld für eine neue Waschmaschine vor. Doch als Sie das nächste Mal bei ihr sind, steht immer noch das kaputte Trumm im Badezimmer.

simplify-Tipp: Zeigen Sie, dass Sie das nicht mit sich machen lassen. Wenn Sie das Geld zurückfordern, werden Sie es zwar vermutlich nicht wiederbekommen. Ist Ihre Schwester aber wieder einmal in Nöten, können Sie darauf verweisen: „Du hast mir das Geld, das letzten November für die Waschmaschine bestimmt war, noch nicht zurückgezahlt.“ Je näher Sie jemandem stehen, umso schwerer wird es Ihnen allerdings fallen, in Zukunft hart zu bleiben. Ihre einzige Möglichkeit, nicht enttäuscht zu werden: Knüpfen Sie Ihre Freigiebigkeit an keinerlei Bedingungen – etwa indem Sie Ihrer Schwester Geld zum Geburtstag schenken – „wofür auch immer du es gebrauchen kannst“.