28.10.2011

"Und dann hat er doch ...! Kannst du dir das vorstellen ...?"


Vorgestern ging ich einkaufen – übrigens mit einem leeren Geldbeutel, denn mein Oktober war irgendwie viel teurer als geplant. Also zahlte ich mal wieder mit Karte. Doch stopp, jetzt fange ich ja hinten an zu erzählen ...

Ich komme also in den Supermarkt, um in aller Ruhe einzukaufen. Ich kurve mit meinem Wagen zielsicher um die Obst- und dann die Gemüseauslagen herum, bis mir einfällt, dass ich etwas vergessen habe. Also drehe ich noch mal um und gehe dann wieder meines Weges. Alles ganz gemütlich. Vorbei an irgendwelchen Sonder-Aktions-Auslagen, vorbei am Frischfleisch, dann führt mich mein Weg ans Ende der langen Kühltheke, wo ich etwas brauche. Kurz davor ist’s aus mit der Gemütlichkeit: Zwei Frauen stehen sich gegenüber und werfen sich gegenseitig Argumente zu, dass die Luft um sie herum förmlich knistert. Ich traue mich gar nicht an die Kühltheke heran, mache mit meinem Einkaufswagen schnell einen Bogen nach links, um ein wenig „normale“ Luft zu schnappen.

Die beiden Frauen sind wie ein großer Magnet, der mich abstößt. In meiner neuen Ecke, in die ich ja gar nicht hin will, studiere ich die Verpackungen. Da erhasche ich den Blick des jungen Mitarbeiters, der gerade Ware auspackt. Ratlos schaut er zu mir, zu den beiden Frauen und wieder zu mir. „Das geht schon eine halbe Stunde so!“, sagt er zu mir. „Ja, scheint ein wichtiges Thema zu sein!“, entgegne ich. „Und vor allem voll privat!“, sagt der Mitarbeiter fassungslos. „Dann traue ich mich doch mal an die Kühltheke, wenn das Gespräch ohnehin kein Ende nimmt“, sage ich und gehe – meinen Einkaufswagen als Schutz vor mir herschiebend – Richtung Butter.

Beim Herannahen erfasse ich dann auch einzelne Gesprächsfetzen. Die beiden unterhaten sich über den „schrecklichen Mann“ der einen Frau, sein Verhalten ihr gegenüber und über den Einfluss, den er auf das gemeinsame Kind ausübt. Das ist ja bekanntlich ein aufwühlendes Thema ... Sie sind wirklich so in ihr Gespräch vertieft, dass sie weder merken, wo sie stehen, noch, dass sie den ganzen Laden aufmischen. Ich packe schnell meine Butter in den Wagen und verlasse den Gang in Richtung Kasse. Dort ist eine längere Schlange. So komme ich dann in den Genuss, das hitzige Gespräch der Frauen auch von weitem in all seinen Höhen und Tiefen mitzuverfolgen. Es nimmt kein Ende! Und ich frage mich: Hätte ich etwas sagen können? Hätte der junge Mitarbeiter die Damen freundlich darauf hinweisen können (vielleicht sogar müssen), dass es jetzt langsam „zu viel“ wird?

Mir fällt dazu wieder einmal nur der Buchtitel des US-amerikanischen Soziologen Richard Sennett ein: Die Tyrannei der Intimität ... 


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Ganz einfach Dunja

Hier bloggt simplify-Redakteurin Dunja Herrmann über ihren Alltag, der oft alles andere als einfach ist. Und sie fragt sich und Ihre Leser stets: Geht’s einfacher? Mal findet sie eine Antwort, ein anderes Mal nicht. Der Blog „Ganz einfach Dunja“ kommt mit einem Augenzwinkern daher, nimmt die Leser mit auf Dunjas Weg zur Einfachheit. Übrigens: Hin und wieder genießt die Autorin die Komplexität: „Sie fordert mich einfach“...

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