14.04.2012

Brauchen wir den perfekten Partner?


In den zurückliegenden Jahren habe ich viele Menschen getroffen, deren Ehe oder Partnerschaft nach mehr als zehn Jahren sprichwörtlich „den Bach runterging“. Die Begründungen reichen von „Er ist mir mehrmals fremdgegangen“ über „Wir sind einfach in einer Sackgasse gelandet“ oder „Es war keine Liebe mehr da“ bis hin zu „Wir wollten uns schon viel früher trennen, nur die Kinder haben uns noch zusammengehalten.“ Oft unmittelbar nach der Trennung folgt die Suche nach einem neuen Menschen, mit dem Mann oder Frau alles teilen kann. Einer, der möglichst ganz anders ist als der Partner oder die Partnerin, mit der es nicht klappte.

Nur selten nimmt man sich freiwillig Zeit, um die Trauer über den Verlust oder das Scheitern zu verarbeiten. Schnell jemand Neues finden, die Achterbahnfahrt durch Scheidung und Besuchsrechtsregelungen ja nicht alleine durchstehen müssen, das Leben wieder genießen wollen, endlich wieder das tun, was man sich seit Jahren aus Rücksicht verkniffen hat: Das alles ist irgendwie allzu menschlich – und allzu häufig nichts anderes als eine Illusion.

Wenn überhaupt ein neuer Partner auffindbar ist, dient er oft als Projektionsfläche, auf der der alte Film ungehindert weiterlaufen kann. Mit viel Glück ist es dennoch möglich, sich zu wandeln und weiterzuentwickeln. Denn Beziehung bedeutet Arbeit – Arbeit mit und an sich selbst, Zusammenarbeit mit dem Partner. Doch wer für diese Arbeit nicht bereit ist, stolpert nur von einer Geschichte in die nächste - ohne Aussicht auf Wunscherfüllung.

Erst neulich unterhielt ich mich mit einigen Singles darüber, was für sie ausschlaggebend ist, um wieder eine neue Beziehung einzugehen. Es muss prickeln, einen der Schlag treffen, Schmetterlinge im Bauch geben. Sonst wird das nichts. Darüber war sich die Mehrheit einig. Einige fragten leise an, wie es denn sei, wenn man sich zwar gut verstehe, prima harmoniere, aber sich irgendwie keine Schmetterlinge einstellen wollen. Ist eine solche Beziehung überhaupt tragfähig?

Ich bin der Meinung, dass es Liebe durchaus auch ohne Schmetterlinge geben kann. Und dass Schmetterlinge alleine kein Garant dafür sind, dass eine Beziehung eine Chance hat. Das Flattern im Bauch steht für Verliebtsein. Tiefe Verbundenheit und Liebe sind etwas anderes. Sie können auch so wachsen. Doch irgendein Indiz muss es schließlich geben, ob man zusammenpasst oder nicht. Irgendeine innere Antwort. Für mich ist es das „Ja“ auf die Frage, ob ich meinen Partner so annehmen will und kann wie er ist. Mit Bäuchlein, mit seinem Perfektionismus, mit seinem Wunsch, jedes Jahr eine Motorradreise alleine zu unternehmen. Was auch immer es ist: Wenn ich meine, ihn ändern zu müssen, begebe ich mich aufs Glatteis. Wie schreibt die Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich im aktuellen „Für Sie“-Magazin? „In einer Zeit, in der Trennungen im Schnellverfahren vollzogen werden und eine Scheidung kein gesellschaftlicher Makel mehr ist, fehlt vielen die Bereitschaft, sich um ihre Beziehung zu kümmern und sich dafür anzustrengen. Dabei geht die eigentliche Arbeit doch erst los, wenn die Phase der Verliebtheit verflogen ist. Und sie hört nie auf.“

Eben. Wenn ich mich dann noch über das Bäuchlein oder die Motorradtouren aufregen muss, wird es schwer, sich ums Wesentliche zu kümmern. Viele Menschen hätten heute ein falsches Konzept von Partnerschaft, mahnt die 94-Jährige: „Der Glaube, man müsse nur den perfekten Partner finden und würde dann ohne eigenes Zutun dauerhaft glücklich sein, ist doch reiner Kitsch. Viel wahrhaftiger und befriedigender ist das Gefühl, auch schwierige Phasen in einer Ehe gemeinsam gemeistert zu haben. Das ist es, was Paare zusammenschweißt und stark macht.“

Online-Partnerbörsen, wie wir sie heute kennen, treiben uns diesbezüglich sogar zu Höchstleistungen an. Ich meine damit die Bemühungen den perfekten Partner zu finden. Mittels Psychotests und Persönlichkeitsprofilen wird schon vorher ausgelotet, wer am besten zusammenpasst. Hat man sich einmal auf einen Menschen eingelassen, schielt man doch mit einem Auge stets auf die anderen, denn es könnte einer noch perfekter passen. Und dann wäre die Welt mit einem Mal in Ordnung. Voraussetzung ist natürlich wieder, dass es gehörig funkt. Sprühen die Funken nach sechs Monaten nicht mehr, geht die Suche eben weiter. Die Frage ist nur, wonach suchen die Menschen denn heutzutage? Nach einer lebenslangen Partnerschaft? Wirklich? Oder ist nur der Kick, den die Schmetterlinge für einen kurzen Moment des Lebens bescheren?

Eine Freundin sagte einmal nach zehn Jahren Beziehung mit ihrem Partner ganz beseelt zu mir: „Das ist toll! Ich bin gerade dabei, mich neu in ihn zu verlieben! Ich habe richtige Schmetterlinge im Bauch!“ Und sie ist heute, nach nun 20 Jahren, immer noch mit ihm zusammen. Dabei war er auf den ersten Blick nicht einmal ihr Typ …


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Hier bloggt simplify-Redakteurin Dunja Herrmann über ihren Alltag, der oft alles andere als einfach ist. Und sie fragt sich und Ihre Leser stets: Geht’s einfacher? Mal findet sie eine Antwort, ein anderes Mal nicht. Der Blog „Ganz einfach Dunja“ kommt mit einem Augenzwinkern daher, nimmt die Leser mit auf Dunjas Weg zur Einfachheit. Übrigens: Hin und wieder genießt die Autorin die Komplexität: „Sie fordert mich einfach“...

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