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Peinlich, peinlich: Was tun, wenn Sie nicht im Boden versinken können?


 

Herr und Frau Schick erscheinen völlig overdressed zu einem Fest. Herr Höflich bietet der Mutter seines Gastes einen Stuhl an – doch leider handelt es sich um dessen Ehefrau! Die kleine Tochter von Frau Wunderlich hat bei ihrem Spielkameraden Wände und Möbel mit Leuchtmarkern verziert. Bei einem wichtigen Gespräch ist Herr Treffer so nervös, dass seine feuchte Aussprache sogar das Jackett seines Gegenübers erreicht. Hier unsere Alternativen zum Mauseloch:

 

Lassen Sie Ihren Körper für Sie sprechen

 Unwillkürlich berühren Ihre Hände Ihr Gesicht, Sie drehen Ihr Gesicht weg oder schauen zu Boden, vielleicht erröten Sie ... Meist können Sie nicht verbergen, dass Ihnen etwas peinlich ist. Doch das ist gut so! Christine Harris, Psychologieprofessorin an der University of California, hat herausgefunden, dass Ihre unmittelbare körperliche Reaktion bereits als Entschuldigung wirkt. Sie zeigen damit, dass es Ihnen nicht egal ist, wie Sie von anderen gesehen werden – und das bringt Ihnen Sympathiepunkte ein.

simplify-Rat: Unterdrücken Sie Ihre körperlichen Reaktionen nicht, sondern nehmen Sie sie als Anknüpfungspunkt, um etwas zu sagen („Mein Herz schlägt mir bis zum Hals!“).

... aber vermeiden Sie falsche Strategien

 

Problematisch sind dagegen die Reaktionen, mit denen viele Menschen hinterher versuchen, das Beste aus der Situation zu machen: Rückzug, Notlüge oder Aggression.

Rückzug. Beispiel: Sie haben beim Chorauftritt gepatzt und schwänzen daraufhin die nächsten 2 Proben. Das Problem: Ein Rückzug, dessen Grund von außen nicht eindeutig erkennbar ist, wird leicht als Unzuverlässigkeit gesehen. Wenn Sie sich distanziert verhalten, werden Sie auch selbst distanziert behandelt.

Notlüge. Beispiel: Sie werden von Ihrem Chef auf einen eiligen Auftrag angesprochen. Sie geben vor, die Sache sei bereits erledigt, und machen sich anschließend hektisch an die vergessene Arbeit. Das Problem: Mit einer Notlüge oder faulen Ausrede riskieren Sie eine weitaus größere Peinlichkeit – nämlich die, dabei ertappt zu werden. Zudem besteht die Gefahr, dass auf Basis Ihrer Falschauskunft falsche Entscheidungen getroffen werden.

Aggression. Beispiel: Sie übersehen auf der Autobahn die richtige Ausfahrt. Daraufhin beschuldigen Sie Ihren Partner/Ihre Partnerin, Sie durch die Suche nach dem Verkehrssender abgelenkt zu haben. Das Problem: Wenn Sie Ihre Fehler anderen in die Schuhe schieben, können sich selbst kleine Missgeschicke zu Beziehungsproblemen auswachsen.

Entschuldigen Sie sich nur einmal

Auch wenn es Sie innerlich dazu drängt: Je öfter und wortreicher Sie auf Ihren Faux-pas hinweisen, umso stärker bleibt er Ihrem Gegenüber im Gedächtnis. Bringen Sie Ihre Entschuldigung nur einmal und mit knappen Worten vor. Danach kehren Sie zum normalen Gespräch zurück. Nehmen Sie bei Ihrem nächsten Kontakt unbefangen positiven Bezug auf die Begegnung („Dein Fest hat uns sehr gut gefallen!“).

simplify-Rat: Vermeiden Sie faule Ausreden. Bleiben Sie so nah an der Wahrheit, wie es ohne Gesichtsverlust für Ihr Gegenüber möglich ist. Herr Höflich sollte natürlich nicht darauf hinweisen, dass die Dame wegen ihrer grauen Haare älter aussieht als ihr Ehemann!

Finger weg von der Repeat-Taste

In Ihrem Kopf läuft die peinliche Szene immer wieder von Neuem ab? Sie grübeln über mögliche Konsequenzen („Diese Scharte kann ich nie mehr auswetzen!“)? Lenken Sie sich ab! Sind Sie in Gesellschaft, beteiligen Sie sich bewusst am Gespräch; sind Sie alleine, hören Sie Musik, oder rufen Sie jemanden an. Auch gut: eine Aufgabe, die Körper und Kopf beschäftigt. Räumen Sie eine Schublade um, oder gehen Sie spazieren, und treten Sie dabei ausschließlich auf die dunklen Gehwegplatten.

simplify-Rat: Kommt Ihnen der Vorfall danach wieder in den Sinn, sagen Sie sich: Wenn selbst ich eine Weile zu abgelenkt war, um daran zu denken, wird es den anderen genauso gehen.

Gewinnen Sie eine realistische Einschätzung

Die meisten Menschen überschätzen die Bedeutung ihres Verhaltens. Denken Sie zurück an andere peinliche Situationen. Haben Ihre Beziehungen tatsächlich dauerhaft darunter gelitten? Worüber können Sie heute – vielleicht sogar gemeinsam – lachen?

simplify-Rat: Vergeben Sie sich selbst dafür, dass Sie zu Ihrer Nachbarin gestern eine gedankenlose Bemerkung gemacht oder den Kollegen vorhin in der Kantine versehentlich mit Bratensoße bekleckert haben. Dann können Sie sich besser vorstellen, dass auch der andere „Schwamm drüber“ sagt.

 

 

Sehen Sie die Vorteile

Vielleicht haben Sie etwas gelernt, das Ihnen in anderen Situationen helfen wird. Vielleicht sind Sie anderen sympathischer geworden, weil Sie sich nicht so perfekt wie sonst gezeigt haben. Vielleicht haben Sie mit Ihrer souveränen Reaktion hinterher die Achtung anderer gewonnen.

simplify-Rat: Haben Sie die Situation überstanden, machen Sie daraus eine witzige Geschichte, mit der Sie künftig andere Menschen erheitern.

Keine Panik!

 

Sie befinden sich in einer peinlichen Situation? Achten Sie darauf, wie Sie körperlich reagieren: etwa mit einem schnelleren Herzschlag, hochgezogenen Schultern, aufgeregtem Atmen oder Luftanhalten. Bereits die Konzentration darauf wird Sie, so Allyn, beruhigen und damit in die Lage versetzen, souveräner zu reagieren. Dadurch bewahren Sie nicht nur Ihre Selbstachtung, sondern gewinnen meist auch die Achtung Ihrer Umwelt.

 

Offenheit statt Heimlichkeit

Niemand weiß bislang von Ihrem Fehler? Überbringen Sie die Nachricht selbst. So haben Sie es in der Hand, wie andere davon erfahren, und ersparen sich die Angst vor einer (zufälligen) Entdeckung. Beispiel: Sie haben die Prüfung zu einer von der Firma finanzierten Fortbildung nicht bestanden. Sagen Sie’s nicht nur Ihrem Chef, sondern auch Ihrem engeren Kollegenkreis.

 

Locken Sie die anderen aus der Reserve

Sprechen Sie aus, wie Sie sich fühlen, und fragen Sie die anderen möglichst ungezwungen nach ähnlichen Erfahrungen. Wenn Sie Glück haben, setzen Sie so eine amüsante Unterhaltung über allerlei Missgeschicke in Gang. Beispiel: Ihnen rutscht in der Kantine das Hähnchen vom Teller. Ihre Reaktion: „Das ist mir aber unangenehm! Ist Ihnen jemals schon so etwas Peinliches passiert?“

 

So wird nicht über Sie gelacht

Der einfache Trick: Geben Sie den anderen die Chance, mit Ihnen zu lachen. Beispiel: Sie bringen vor den Augen Ihrer Reisegruppe beim Postkartenkauf versehentlich einen ganzen Ständer zu Fall. Sagen Sie scherzhaft zu Ihren Mitreisenden: „Tun Sie einfach so, als ob Sie mich nicht kennen.“

 

Riskieren Sie Peinlichkeiten!

Lassen Sie nicht zu, dass die Angst vor potenziell peinlichen Situationen Ihr Verhalten steuert. Zeigen Sie dem Arzt den merkwürdigen Fleck auf Ihrer Haut – auch wenn sich Ihr „Hautkrebs“ als harmlose Warze entpuppen könnte. Bitten Sie den computerkundigen Bekannten um Hilfe bei der Druckereinrichtung, selbst wenn dadurch Ihre technische Ahnungslosigkeit offenkundig wird. Sie werden merken: Insgesamt überwiegen die Vorteile!

Verändern Sie Ihre eigene Perspektive

Fehler passieren häufig, wenn sich jemand an etwas Neues heranwagt. Verachten Sie sich nicht für Ihren Fehler (z. B. einen Aussetzer bei einer Rede), sondern bewundern Sie Ihren Mut (z. B. vor 100 Leuten frei zu sprechen).

Wer vor Peinlichkeit in den Boden versinken könnte, überschätzt oft die Bedeutung, die das Geschehnis für andere hat. Lenken Sie sich ab – etwa mit einer spannenden Lektüre oder einem netten Telefonat. Kommt Ihnen der Vorfall danach wieder in den Sinn, so sagen Sie sich: Wenn selbst ich eine Weile zu abgelenkt war, um daran zu denken, wird es den anderen genauso gehen.

Leider nicht in deutscher Übersetzung verfügbar: David Allyn: I Can't Believe I Just Did That. Barnes & Noble, New York 2003. ISBN-13: 978-1585422579. Gebraucht erhältlich.

Autorin: Dr. Ruth Drost-Hüttl