Es ist schon viele Jahre her, da fuhr ein Freund von mir mit seinem Vater in Urlaub. Ziel war Fernost. Als sie wieder zurück waren und wir uns trafen, blühte mir eine umfangreiche Bilder- und Videomaterial-Schau. Wenn der Vater des Freundes mal abgelichtet wurde, hatte er entweder gerade einen Fotoapparat oder eine Video-Kamera vor dem Auge. Ich fragte den Freund: „Sag’ mal, hat dein Vater überhaupt etwas vom Urlaub mitbekommen?“ Er: „Nee, wenig. Er war total besessen davon, alles aufzunehmen.“ „Schade“, dachte ich bei mir. „So will ich niemals werden.“
Mittlerweile sind 20 Jahre vergangen. Und ich bin wirklich weit entfernt davon, ständig mit iPhone oder Kamera herumzulaufen. Im Gegenteil: Ich vergesse es meistens, wenn es mal angebracht wäre – z. B. bei AuffĂĽhrungen unserer Kindergartengruppe. Es ist mir einfach lästig. Ich mĂĽsste mich dann so aufs iPhone oder die Kamera konzentrieren, damit die Aufnahme gut ist, dass ich die AuffĂĽhrung selbst gar nicht mehr genieĂźen könnte. Weil ich von der Verwandtschaft schon zu hören bekommen habe: „Wie, schon wieder nicht fotografiert?“, bin ich mittlerweile dazu ĂĽbergegangen, ganz wenige Bilder einer wichtigen Szene zu machen. Danach bleibt die Kamera aus. Vor kurzem hörte ich beim Autofahren, wie sich Moderatoren des Radiosenders SWR3 ĂĽber Live-Konzerte unterhielten. Viele von ihnen besuchen selbst ständig Konzerte und finden es mittlerweile bedenklich, dass die Zuschauer den ganzen Abend ĂĽber ihr Smartphone in die Luft halten. Als wären sie nur auf dem Konzert, um alles aufzunehmen und bei youtube platzieren zu können. Einigen der KĂĽnstler sei das bereits unangenehm aufgefallen, aber selbst nach einer „RĂĽge“ hätte das Publikum weiter gefilmt. Wo wir frĂĽher die Feuerzeuge ausgepackt haben, wird heute die Taschenlampen-Funktion des Smartphones aktiviert. Lothar Seiwert wĂĽrde jetzt sagen: Das Publikum ist nicht präsent. Dunja sagt das ĂĽbrigens auch. Und jeder, der die lebendige Atmosphäre eines Live-Konzerts zu schätzen weiĂź (oder wusste), wird das sagen – insbesondere die Menschen, die oben auf der BĂĽhne stehen. Mal ehrlich: Es geht uns nicht nur auf Konzerten so! Ich war einmal auf einer Party. Ein Gast beschäftigte sich den ganzen Abend ununterbrochen mit seinem iPhone. Es bestand nicht die geringste Chance, mit ihm in Kontakt zu kommen – und das, obwohl er mittendrin stand und seine ganze Familie dabei hatte. „Schade“, dachte ich bei mir.Â